Kreis Lörrach Wenn die Fassade Risse bekommt

Jeder Zwanzigste in Deutschland erlebt mindestens einmal in seinem Leben eine depressive Phase. Wichtig ist es, die Anzeichen nicht zu ignorieren. Foto: sba

Kreis Lörrach - „Black cloud crossed my mind/Blue mist round my soul“, beschreibt John Lennon in „Yer Blues“ aus dem Jahr 1968, dem vielleicht bedrückendsten Stück im Songkatalog der Beatles, seinen damaligen Seelenzustand. Nicht jeder, der unter einer Depression leidet, verfügt aber über das Ventil des Liederschreibens: Laut der Weltgesundheitsorganisation erleben 5,2 Prozent aller Menschen in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben eine depressive Phase.

Wie sich die Corona-Pandemie auf Menschen mit einer depressiven Erkrankung auswirkt und ab wann sich jemand professionelle Hilfe suchen sollte, darüber hat unsere Zeitung mit Jörg Breiholz, Fachbereichsleiter Seelische Gesundheit beim Diakonischen Werk im Landkreis Lörrach, gesprochen.

Frage: Herr Breiholz, laut der Deutschen Depressionshilfe nehmen seelische Leiden in der Corona-Pandemie zu. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Zunächst war ja die Erfahrung der Pandemie für uns alle neu und schwierig. Auch für Menschen mit einer depressiven Erkrankung, wobei zu Beginn im Frühjahr 2020 nach einer Befragung durch den Landesverband der Psychiatrieerfahrenen, von der ich erfahren habe, etwa ein Drittel die Situation nicht als so schlimm für sich empfand.

Die Aussage, die mir einige anfangs sagten, war häufig: Ich gehe ja ohnehin nicht gerne raus, für mich ändert sich nichts. Im Laufe der Zeit hat aber die Belastung für depressive Menschen erheblich zugenommen.

Frage: Inwiefern?

Die Belastung ist gewachsen. Depressive Menschen haben ohnehin weniger soziale Kontakte, aber dann kam zeitweise noch hinzu, dass unsere Tagesstätten für einige Wochen geschlossen waren. Nach der Öffnung war das Angebot nicht mehr so niederschwellig, sprich: Man konnte nicht mehr einfach vorbeikommen, sondern musste sich vorher anmelden. Das war und ist für viele Menschen eine Hürde.

Auch der Zugang zu Behörden war eingeschränkt. Aktuell etwa habe ich den Fall einer Frau, die vor einem halben Jahr Wohngeld beantragt und bisher noch keine Rückmeldung erhalten hat. Die Bearbeitungen scheinen durch Corona schleppender zu sein. Das kann existenzbedrohend sein. Viele der Menschen, die wir betreuen, leben ja vom Arbeitslosengeld II. Sie sind angewiesen auf den direkten Kontakt zum Vermittler, das ist schwieriger geworden.

Hinzu kommt, dass Corona ein Dauerthema ist: Ich gehe nicht mehr außer Haus, also bleibt mir nur, Radio zu hören oder den Fernseher einzuschalten. Sobald ich das aber tue, werde ich mit dem Coronavirus konfrontiert. Das ist für die Menschen sehr belastend. Da kann es eine Erleichterung sein, wenn ein Mitarbeiter mich aufsucht und mit mir einfach nur darüber spricht, wie etwa der SC Freiburg gespielt hat.

Frage: Sie haben die Schließung der Tagesstätten erwähnt. Wie hat sich Corona sonst noch auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Für die Tagesstätten bedeutete es, Hygienekonzepte zu erstellen und die Abläufe neu zu planen und zu organisieren. Für die ambulanten aufsuchenden Dienste bedeutet es zum Beispiel, dass der Austausch untereinander eingeschränkt ist oder Teamsitzungen nur noch digital stattfinden.

Die Mitarbeiter in diesem Arbeitsbereich sind Einzelkämpfer, gehen allein zu einem depressiven Menschen und erleben bei diesem vielleicht Situationen, die sie dann wiederum hinterher mit einer Kollegin oder Kollegen besprechen müssten. Natürlich geht das dann auch telefonisch, aber es ist nicht dasselbe. Auch der Austausch ist Qualitätssicherung und sehr wichtig.

Frage: Schlechte Tage hat jeder einmal. Ab wann sollte man sich Hilfe suchen?

Es gibt Situationen im Leben, die mit Trauer, Trennung oder auch dem Verlust des Arbeitsplatzes zu tun haben. Da ist vieles an Niedergeschlagenheit ganz normal. Wenn es sich aber über drei oder vier Wochen hinzieht, dass man etwa keine Freude mehr an seinen Hobbys hat, dass man keinen Grund zum Aufstehen mehr sieht oder etwa Schlafstörungen hat, dann sollte man einen Arzt aufsuchen. Wichtig ist auch, zunächst einmal eine körperliche Ursache für eine Depression auszuschließen, etwa eine Schilddrüsenerkrankung.

Frage: Ein Psychologe hat einmal zu mir gesagt, dass es ein typisch deutsches Phänomen sei, dass der Arbeitsalltag noch relativ lang funktioniert und man da möglichst lang eine Fassade aufrechterhalten kann. Können Sie das bestätigen?

Die meisten Menschen, die unsere Beratung oder Hilfe in Anspruch nehmen, stehen nicht im Berufsleben. Aber es ist so, dass einige depressive Menschen nach außen hin durchaus zunächst gut funktionieren. Ich selbst kenne Betroffene, die mit mir gelacht und ganz normal geredet haben und bei denen ich dann später erfahren habe, dass es ihnen eigentlich sehr schlecht geht.

Manchmal entwickeln sich neben einer Depression auch Anzeichen eines Messie-Syndroms. Da kann es durchaus sein, dass sie beruflich noch gut funktionieren und die Fassade dann zu Hause in sich zusammenfällt. Ob das aber ein typisch deutsches Phänomen ist, weiß ich nicht.

Frage: Im Sommer findet eine Vortragsreihe zum Thema Depression statt. Was erwartet die Zuhörer da?

Diakonie, Caritas und Evangelische Erwachsenenbildung bieten ja jedes Jahr einen Forumstag an, bei dem wir uns mit Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten austauschen. Der Forumstag wird dieses Jahr aber bereits zum zweiten Mal in Folge ausfallen. Wir wollten das Thema Depression aber unabhängig von Corona aufgreifen, nun wird es aber einen direkten Bezug dazu haben.

Die Veranstaltungsreihe im Juni und Juli findet digital statt und steht unter dem Motto: „Wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht! – Vom Umgang mit Depression in schwieriger Zeit“ und bietet unter anderem einen Vortrag zum Thema „Humor als Türöffner“. Dieser wird von Ludger Hoffkamp gehalten, der mit dem Moderator Eckhart von Hirschhausen in der Stiftung „Humor hilft Heilen“ zusammenarbeitet.

Weitere Informationen:

  • Die Vortragsreihe „Forum 2021“ beginnt am 22. Juni. Weitere Informationen und die Möglichkeit, sich anzumelden, gibt es bei der evangelischen Erwachsenenbildung, Tel. 07621 / 42 22 96 10, E-Mail an eeb.suedwest@kbz.ekiba.de.
  • Kontakt zur Telefonseelsorge erhalten Hilfesuchende rund um die Uhr unter Tel. 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222.

Jörg Breiholz ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) und hat die Leitung des Fachbereichs Seelische Gesundheit beim Diakonischen Werk im Landkreis Lörrach inne. Daneben ist er weiterhin mit Klienten tätig, da ihn dies „erdet“, wie er unserer Zeitung sagt.

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