Kreis Lörrach - In der Serie „Alltag im Jagdrevier“ berichten wir in loser Folge über die Aufgaben und Tätigkeiten von Jägern. Im achten Teil der Serie geht es um die Notwendigkeit, Rehe in Todtnauberg den Winter über zu füttern.

Die Kirchenglocken läuten die Mittagsruhe ein. Es ist Samstag, 12 Uhr – „High Noon“ über den Dächern von Todtnauberg. Während die Wintersportler einen Parkplatz suchen, den Schnee oder die Pause genießen, stapfen die Jäger Stefan Asal und Riccardo Abbate durch den Tiefschnee abseits der Loipen und Skihänge. Ihr Ziel: Eine Futterstelle für Rehe. „Wenn der Schnee liegt, machen wir das ein bis zwei Mal in der Woche“, erklären die beiden. Gemeint ist die Bestückung der überdachten „Imbissstation“ für das Schalenwild, dem mit dem Schneefall die Nahrungsgrundlage sehr eingeschränkt wird.

Laut Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG), umgangssprachlich Jagdgesetz, ist das Füttern von Rehen grundsätzlich verboten. Doch im oberen Wiesental haben Tourismus und Wintersport Einfluss auf die Flora und Fauna. „Rehe sind Fluchttiere, die im Winter ihren Stoffwechsel herunterfahren“, erklärt Asal. „Dringen Menschen in ihr Revier ein, rennen sie weg. Das kostet Energie. Durch das zusätzliche Futterangebot wird das kompensiert.“

Oberste Jagdbehörde hat die Fütterung genehmigt

Mit Riccardo Abbate und zwei weiteren Jägern hat er das Revier Todtnauberg gepachtet und ist dadurch mit für die Hege des Wildes und den Erhalt seiner Lebensgrundlage verantwortlich. Die Fütterung ist von der obersten Jagdbehörde, dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR), nach Vorlage einer umfassenden Fütterungskonzeption genehmigt worden. Mehr als 180 Stunden hat Frank Thoma, stellvertretender Hegeringleiter, ehrenamtlich in die Erstellung gesteckt. Im oberen Wiesental zwischen Feldberg, Präg und Belchen beteiligen sich insgesamt 21 Reviere an der Rehwildfütterung. Die ordnungsgemäße Durchführung wird von der unteren Jagdbehörde überprüft.

Asal und Abbate verteilen Apfeltrester, also Pressrückstände aus der Saftproduktion, aufgewertet mit einer Hand voll Hafer. Seit Herbst sind die luftdicht abgeschlossenen Fässer an den Futterstellen. „Im Winter kommen wir mit den Fahrzeugen nicht mehr dran. Zum Teil müssen wir uns mit Schneeschuhen auf den Weg machen. Je nach Witterung sind wir dann einen dreiviertel bis ganzen Tag damit beschäftigt, alle fünf Futterstellen aufzusuchen und neu zu befüllen“, erläutert Abbate, während er mit der Hand die Fruchtreste mit dem Hafer vermischt. Das Material ist kalt. Deutlich unter null Grad – doch er verzieht keine Miene. Jagdkamerad Asal ebenso – beiden scheinen die Temperaturen und der Aufwand nichts auszumachen. Es bleibt sogar Zeit, die Aussicht und das schöne Wetter zu genießen.

Während die beiden ihrem „Hobby“ nachgehen, hat Claudia Kamensky Zeit, im Gespräch mit unserer Zeitung die Spuren im Schnee näher zu erläutern. Sie ist beim Kreisverband Lörrach der badischen Jäger für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und verweist auf die Schalenabdrücke an einem Liegeplatz. Zuvor konnte schon eine Fährte entdeckt werden mit zwei langen und zwei kurzen Abdrücken: Ein Hase kreuzte den Weg.

Ein spannender und lehrreicher Ausflug. Doch genau da liegt eine der Ursachen dieser Zusatzaufgabe für die Jäger: Schneeschuhwanderer, Spaziergänger mit Hund – sie und weitere „Naturfreunde“ dringen in den Lebensraum der Rehe ein, nehmen ihnen die Ruhe und somit Energiereserven. Durch den Nahrungsersatz werden die Tiere gelenkt, sich nicht an jungen Bäumen zu stärken. Auch soll ein Vordringen in die Wohngebiete verhindert werden, was die Gefahr von Wildunfällen erhöhen würde.

Entschädigt werden die Jäger übrigens nicht für ihre zusätzliche Tätigkeit. „Das gehört zur Jagd dazu“, erklären die beiden Pächter in einem der höchsten Reviere Baden-Württembergs einvernehmlich. Ein aufwendiges Hobby, bei dem die Zeit auf dem Hochsitz den geringsten Teil des Engagements ausmacht.