Kreis Lörrach Wie steht es um den Dialekt?

Vehementer Verfechter der alemannischen Mundart: Der Wiesentäler Autor und Dichter Markus Manfred Jung. Foto: Jürgen Scharf Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Regio. Der Ministerpräsident tut es, der Fußballbundestrainer auch: Sie pflegen den Dialekt. Einer, der sich vehement für die Bewahrung der alemannischen Mundart einsetzt, ist Markus Manfred Jung. In seinem jüngst im Drey-Verlag erschienenen Glossenband „Wenn i e Rebschtock wär“ beschäftigt sich der Wiesentäler Autor mit dem Status der Muttersprache und der alemannischen Mundartliteratur.

In einem begleitenden Essay macht sich Jung so seine Gedanken über den aktuellen Stellenwert der Mundart: „Muetterschprooch un Vatterschprooch – Wie steht es um den Dialekt?“ Auf die polemische Frage, wann Alemannisch zur offiziellen Landessprache wird, antwortet er lachend: „Bei uns natürlich nie. In der Schweiz kommt es darauf an, wie es sich politisch entwickelt.“ Jung glaubt nicht, dass der Dialekt einmal Nationalsprache wird. „Muss es auch gar nicht werden, weil man ja eine Schriftsprache hat.“ Für ihn ist es schon akzeptabel, wenn man Mundart als Umgangssprache im täglichen Leben praktiziert und schätzt. Ganz wichtig findet er es aber, dass Schüler gutes Deutsch lernen und dass man eine gemeinsame Verständigungssprache, das Standarddeutsch, im gesamten deutschsprachigen Raum hat.

Die Mundart wird nicht aussterben

Dass die Mundart einmal ausstirbt, befürchtet er auch nicht. „Der Tod der Mundart wird seit 200 Jahren propagiert, aber sie stirbt nicht aus. Sie wird sich ändern, weniger Spezialwortschatz haben, aber sie wird in ihrem Klang und dem, was mitschwingt, noch sehr lange leben. “ Jung vermutet, dass man einen südbadischen Dialekt sprechen wird, der zwischen Müllheim und Waldshut ähnlich klingt.

Generell beobachtet der pensionierte Gymnasiallehrer eine zunehmende Selbstverständlichkeit, Mundart zu sprechen, und eine größere Wertschätzung für den Dialekt.

Bis jetzt wird der Dialekt von Ort zu Ort anders gesprochen. „Das geht verloren, das kann man nur noch bei älteren Menschen hören.“ Seine Beobachtung: Am Beispiel der Schweiz sieht man, dass der Dialekt wandelbar ist. Da ist in den letzten Jahren ein Umgangsslang entstanden und die Scheu vor dem „Heimetdialekt“ als „Bauernsprache“ ging mehr und mehr verloren.

Auch gibt es laut Jung keine so große Kluft mehr zwischen Altalemannisch und Neualemannisch. Nur Puristen würden die alte Sprachstufe als die schönere ansehen – nach dem Motto: Die Großeltern sprachen noch ein schöneres Alemannisch als man selber.

Jung plädiert dafür, die Sprache neu zu finden, Sprachlust zu haben und den Dialekt nicht in ein „Privat-Getto“ zu drängen. In seiner Glosse „Gruusimuusi“ gibt er ein schönes Beispiel für den Sprachwandel gerade in der jüngeren Generation. Auf der Site „Community“ in einer Basler Zeitung fand der Autor lustig, wie sich die Jungen „Briefli zue simse“: „Hey my Flodder-Sister, d’Ferie mit dir sin wieder mal de hammer gsi! Mir Freaks händ voll de Fun gha, halt eifach flodder-like. Love yaaa...! Kussi“. Oder an anderer Stelle: „Du (männlich)! Dunnschtig Morge S12 Richtig Züri HB. Häsch en blaue Schal agha. Wär kuul, wennd dich würsch melde!“.

Jugendsprache ist immer eine kreative Sprache

Die Jugendsprache ist immer eine kreative Sprache. Auch von der Slam Poetry und Spoken Word-Szene kann man viel lernen. Der Lyriker Jung verwahrt sich dagegen, dass die Mundartliteratur museal behandelt und in die Heimatecke gesteckt wird. Vielmehr begrüßt er es, wenn man mit dem Dialekt frisch, modern und unkonventionell umgeht. Als Dichter versucht er spielerisch, modische Wörter in den Dialekt zu übertragen („Ei-pätt“ für iPad) – und sieht darin eine Chance zum Überleben der Mundart.

Der 66-Jährige greift nicht nur alte Ausdrücke der Großeltern auf, sondern erfindet Wortschöpfungen. Seine jüngste alemannische Wortkreation in diesen Corona-Zeiten lautet: „iikvarantänele“.

Die alemannische Sprache sieht er, in der Nachfolge großer Vorbilder wie Johann Peter Hebel und Gerhard Jung, seinen Vater, als unverbrauchte Literatursprache mit großem Potenzial an, in der man viel experimentieren und Sprachbilder erfinden kann. „Das ist gerade so, wie wenn ein Maler eine neue Farbpalette entdeckt hat.“

Jung ist „däheim in de Sprooch“. Die Mutter- und Vatersprache, mit der er als Sohn des Hebelpreisträgers Gerhard Jung aufgewachsen ist, ist für ihn gleichwertig mit der zweiten Sprache, die er gelernt hat, dem Standarddeutsch. Dass die alemannische Sprache so nahe am Leben ist, macht sie für Jung reizvoll. Die Reaktionen auf seine Zeitungsglossen und Alltagssatiren zeigen ihm, dass viele Menschen wieder zu ihrem Dialekt zurückfinden, den sie verloren, vergessen oder verdrängt hatten - und merken, was für ein Reichtum in dieser Sprache steckt.

Deswegen ist ihm wichtig, dass die Mundart geschrieben und gelesen wird. Letzteres ist gar nicht so einfach. Denn jeder Mundartdichter schreibt anders. Im Dialekt gibt es keine Rechtschreibregeln, keine Grammatik, keine Norm. Zwar kann man manche Dialektausdrücke im „Alemannischen Wörterbuch“ nachschlagen, aber jeder Autor handhabt seinen Schriftdialekt individuell.

„Mein Vater hat sich stark an Hebel orientiert“, sagt der erklärte Hebel-Verehrer. Markus Manfred Jung notiert den Schriftdialekt eher instinktiv: „Ich schreibe so, wie ich spreche“. Sein Mundartschreiben ist eine Annäherung an seinen mündlichen Dialekt, eine schriftliche Parallelsprache.

Nachdem die Mundart Ende der 1960er/Anfang 70er Jahre durch die Proteste der Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung in Fessenheim, Kaiseraugst und Wyhl einen Hype erlebte und zur Widerstandssprache gegen das hohe Amtsdeutsch wurde, flaute die Mundartwelle später wieder ab. Jetzt ist die Mundart so lebendig wie seit ihrer Blütezeit nicht mehr.

Mundart soll geschrieben und gelesen werden

Der Minderwertigkeitskomplex ist nach Meinung Jungs geringer geworden; gerade in der Grenzecke herrsche viel Sprachtoleranz. Es gebe kaum noch „eingefleischte Dialektler“. Dass viele Leute, gerade junge, wieder mehr Interesse am Alemannischen haben und ohne ideologische Scheuklappen sich trauen, Dialekt untereinander zu reden, freut den ehemaligen Pädagogen. Für ihn ist das der „weltoffenen und toleranten Haltung“ gegenüber neuen Sprachvarietäten zu verdanken, die von der Muettersproch-Gsellschaft, dem Hebelbund Lörrach und anderen Geschichts- und Traditionsvereinen schon länger gepflegt wird.

Seine Erfahrungen mit der „Hochspracharroganz“ und der „niederen“ Dialektsprache thematisiert Jung in seinem lesenswerten Essay, der Gedankenanstöße geben soll, wie es weitergeht mit dem Dialekt in der Region. Dabei gelingt es dem langjährigen Leiter der Internationalen Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt, die Dinge um die Mundart bewusst zu machen und über Sprache nachzudenken - und mit dem Klischee aufzuräumen, dass das Alemannische mit dem Rachen-CH eine „Halskrankheit“ („Hals-Chranket, wenn scho!“) ist. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit dem heimischen Dialekt auch ein Plädoyer, die eigene Sprachvariante zu erhalten. So hat Markus Manfred Jung einige seiner Glossen auf beiliegender CD eingelesen. Denn Originalton Mundart ist halt noch mal was anderes als das Gedruckte!

ZEITUNG lesen, MEINUNG bilden, WÄHLEN gehen! Jetzt 4 Wochen für einmalig ab 4 Euro lesen.

Umfrage

Corona-Test

Diese Woche soll eine neue Corona-Verordnung verabschiedet werden, die ab einem Grenzwert eine 2G-Regel (geimpft/genesen) vorsieht? Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading