Kultur Bühne frei für den „erwachsenen Kästner“

Jürgen Scharf
Machten sich für den „erwachsenen Erich Kästner“ stark (von links): Rezitator Henning Kurz, Liedermacher Anselm König und Saxophonist Beat Riggenbach. Foto: /Jürgen Scharf

Jedes Kind kennt „Emil und die Detektive“. Aber wer kennt die zeitkritischen Gedichte von Erich Kästner? Der andere Kästner, der politische, der Moralist, rationale Humanist, Pazifist und geistvolle Ironiker, sollte an diesem Abend im ausverkauften Museumskeller zu Wort kommen.

Motto: „Parole Emil!“

Unter dem Motto „Parole Emil!“ brachen der Sänger und Gitarrist Anselm König, der Sprecher Henning Kurz und der Saxophonist Beat Riggenbach eine Lanze für den „wehmütigen Satiriker“. Ihrer Einladung, den „erwachsenen Kästner“ kennenzulernen, kamen überraschend viele Literaturfreunde nach.

Henning Kurz hat sich inzwischen zu einem Kästner-Experten gemausert und der Liedermacher Anselm König hält schon lange die Fahne des Autors in eigenen poetischen Vertonungen hoch. Man spürt an diesem Abend, was sie an Kästner so begeistert: an dem skeptischen Melancholiker wie an dem kritischen Menschenbeobachter, der zum einen die Verlorenheit in der Großstadt in seinem Roman „Fabian“ im Berlin der 1930er Jahre thematisiert, sich aber auch nicht scheut, in jenen gefährlichen Jahren den Leviathan Staat und die Staatsmaschinerie aufs Korn zu nehmen. Viele dieser Texte sind heute von brennender Aktualität.

Kontinuität der Unterdrückungspolitik

Schon Kästners kabarettistisch-groteskes Drama „Schule der Diktatoren“, das die späteren Dramen von Dürrenmatt vorwegnimmt, zeigt die Kontinuität der Unterdrückungspolitik des totalitären Staates. Wie heißt es doch in dem Gedicht „Kennst du das Land...?“ so treffend: „... Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün/ Was man auch baut – es werden stets Kasernen/ Kennst du das Land, wo die Kanonen blüh’n? /Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen.“

In solchen Strophen zeigt sich der Satiriker als Regulator der Gesellschaft. Und die drei Ausführenden, deren Empathie für Kästner man in jeder Zeile, in jedem Lied spürte, gingen diesem voltairianischen Denken nach. Sie brachten neben Politischem einige Liebesgedichte, Biografisches wie Kästners Liebeserklärung an Dresden („Als ich ein kleiner Junge war“) und Philosophisches wie das berühmte Gedicht „Entwicklung der Menschheit“, in dem der Skeptiker auf die Zukunft blickt und im Rückblick feststellt, dass die Menschen bei allem Fortschritt „immer noch die alten Affen“ sind. Kein Wunder, dass man den Autor in den 1930er Jahren gefragt hat: „Wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“

Den Zerrspiegel vorgehalten

Sprecher Kurz sorgte für einen erhellenden Einblick in Kästners satirische Versbücher, in die lyrische Hausapotheke, die „Gebrauchslyrik“ und in die Geisteshaltung des Schriftstellers, der seiner Epoche den Zerrspiegel vorhielt und durch Kritik und Anklage zu entlarven trachtete.

König, der den Blues drauf hat, begleitete sich selber auf der Gitarre in Songs wie der „Sachlichen Romanze“. Riggenbach assistierte ihm dezent und partnerschaftlich nicht nur auf dem Saxophon, sondern auch mit Mundharmonika und Querflöte, und untermalte jazzig improvisierend die Stimmung der Gedichtvertonungen. Im „Trostlied“ und für den Rausschmeißer-Blues als Zugabe griff auch Rezitator Henning Kurz zur Gitarre und spielte zusammen mit den beiden „literarisch-musikalischen Teufelskerlen“, wie er sie nannte. Die Botschaft der drei Interpreten kam rüber. Um mit Kästner zu sprechen: „Nie wieder Krieg“, wie es in dem hochaktuellen Antikriegslied „Fantasie von übermorgen“ heißt: „Und als der nächste Krieg begann, da sagten die Frauen: nein.“

Hochaktuelles Antikriegslied

Erich Kästner, der wohlwollend vom Plakat herunterschaute, hätte diese Hommage sicher gefallen.

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