Kultur Die persönliche Landkarte

Von Jürgen Scharf 

Regionale: Gruppenausstellung „Mapping“ als Weiler „Regionale“-Beitrag im Stapflehus

Blick in die Ausstellung „Mapping“ der Regionale 23 in Weil auf eine Bodeninstallation von Natalia Schmidt.Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Anzeige

Weil am Rhein. Das waren noch Zeiten, als Kolumbus mit einer Weltkarte in See stach und Alexander von Humboldt sich daran machte, einen Atlas der „Neuen Kontinente“ zu erstellen. Seit dem Mittelalter ist das Atlaswesen wichtig für Geographen. Von der Seekarte, der Vermessung der Ozeane über ganz normale Landkarten und Stadtpläne bis hin zu den modernen digitalen lokalen Informationssystemen, Google-Maps, Navi und Tracking-App reicht die Kartengeschichte.

Sieben Künstler

Wissenschaftliche Kartendarstellungen sind in der Gruppenausstellung „Mapping“, dem Weiler „Regionale“-Beitrag in der Städtischen Galerie Stapflehus, aber nicht zu sehen. Vielmehr geht es um künstlerische Kartogramme, um malerische Darstellungen auf Karten und um Kartierungen in verschiedensten Medien. Zusammengestellt hat diese Themenschau mit Kartenbildern, Videos, Fotografien, Drucken und Installationen Kurator Martin Hartung vom Kunstverein Weil am Rhein. Ausgewählt wurden von ihm sieben Künstlerinnen und Künstler aus Südbaden und der Schweiz, die sich auf sehr unterschiedliche Art dieses Themas annehmen: direkt, spielerisch, kritisch oder metaphorisch.

Den direkten Weg wählt der Maler Uwe Walther für seine fiktiven Kartenbilder auf Schweizer Reliefkarten. Zwar dienen ihm die eidgenössischen Landeskarten als Grundlage für seine topographischen Landschaften, aber sie können nicht als Basiskarten dienen, sind sie doch verfremdet, verändert, zerschnitten und bemalt. Diese imaginäre Kartographie ist durchaus witzig und passt gut zur Regionale, zumal ein Plan die Region Basel und Rheinfelden zeigt.

Anzeige
Anzeige

Im Untergrund

Im selben Raum geht Peter Bosshart für seine Erkundungen in den Untergrund, in den Abwasserkanal. Er kartiert ein Abwasserrohr, das verstopft war, und hat in dem mit Alphornklängen (Dirk Amrein) unterlegten Video „Alpkanal“ originale Aufnahmen der Rohrvermessungen und des Abwasserlaufs verwendet. Auch mit Bauarbeiten am eigenen Haus hat Bossharts großes Folienbild „Absperrgitter“zu tun, auf das er in raumbeherrschender Größe das Gitterraster übertragen hat.

Davor gibt eine Bodenarbeit von Natalia Schmidt einige Rätsel auf. Sie betreibt hier in Fotos und einer Videoinstallation Ballistikforschung, geht der unheilvollen Geschichte einer deutschen Patrone nach, die bis heute hergestellt wird, macht auf Waffenlieferungen, Völkermord und Wiedergutmachungen aufmerksam. Ein originales Projektil, auf einen langen Speer gepflanzt, ist eine anspielungsreiche skulpturale Umsetzung dieses kolonialen Themas.

Der Klimawandel

Die Auswirkungen des Klimawandels visualiert Gabriele Engelhardt mit Fotos vom Rhonegletscher, der mit zusammengenähten Lappen bedeckt wird, um den Schmelzprozess aufzuhalten. Die Ansichten zeigen einen wie von Leichentüchern bedeckten sterbenden Gletscher, wobei die Fotografin in ihrer Ästhetik Bildhauerei mit Fotografie verbindet und den Blick auf den Faltenwurf lenkt. Das Eis formt die Strukturen, es ist hier der „Bildhauer“.

Anzeige

Komplex und spannend

Auch die anderen ausgestellten Arbeiten verlangen vom Besucher Zeit zum Betrachten, denn sie sind recht komplex, aber auch spannend. Etwa die „Selftracking-App“ von Florian Mehnert, mittels der Bewegungsprofile von anonymisierten Personen nachgezeichnet und auf Google-Maps nachverfolgt werden können.

Christine Fausten, die man von farbigen und auffallenden Textilskulpturen her kennt, steuert eher stille, ruhige, zarte Kaltnadel-Radierungen und Materialdrucke bei, in denen sie Strukturen vom Rhein und Rheinbett aufgreift.

Naomi Middelmann bespielt das Dachgeschoss mit der meterlangen Arbeit „Memory Mapping“: bemalte Stoffbahnen mit Erinnerungen, Figuren, Zeichen, Häusern, Architekturen, die sich von der Decke bis in den Raum ziehen – auf ihre Art persönliche Landkarten.  Bis 8. Januar, Sa 15-18, So und Feiertag 14-18 Uhr. Kuratorenführung So, 4. Dezember, 16.30 Uhr

Lokales News