Kultur Wo der Dreieckshimmel leuchtet

Die Oberbadische, 13.02.2018 02:40 Uhr

Von Dorothea Gebauer

Bettingen. Das war eine charmante und sehr farbige Matinee mit Pierre-Laurent Boucharlat (Klavier) und Martin Graff (Lesung) am Sonntag, die nur ein Ziel zu haben schien: Ein musisch-geistreiches Plädoyer für das deutsch-französische Verhältnis, das eine Vorlage für das europäische Miteinander sein kann. Die Mittel, die dazu eingesetzt wurden, waren pianistische und Wortkunst vom Feinsten, deren Protagonisten Künstler aus dem Dreiland mit Welthorizont. Der Ort dazu hätte nicht symbolischer sein können. Die hübsche Chrischonakirche, deren Turm über alle drei Ländern ragt, war dafür strategisch trefflich gewählt.

Pierre Laurent Boucharlat am Flügel malte kantig die sinnenfrohen „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky, Autor und Europäer Martin Graff zeichnete mit der Kraft des gesprochenen Wortes die Utopie der Einheit in der Vielfalt verschiedenster Nationen.

Boucharlat leistet bei dem monumentalen Stück Mussorgskis Schwerstarbeit. Mal ist er hingegebener Berserker und Kraftprotz, mal quietschvergnügter Interpret des leichtfüßigen Balletts beim „Schlüpfen der Küken“. Das „Tor in Kiew“ wird jedenfalls weit zur Welt geöffnet. Während sein Spiel Leidenschaft zeitigt, wird mit viel Zeit und Achtsamkeit jeder Ton ausgelotet. Dabei verdichtet das Klavierspiel das lebhaft Rezierte, dient manchmal zu dessen Affirmation.

Das ist nötig – bei soviel Gehalt, Tief- und Hintersinn. Musik war häufig in Krisenzeiten Überlebenskunst. Auch das Spiel mit Sprachen sei Musik, so Graff, der damit die Verbindung zum Klavierspiel herstellt. Er bleibt im lockeren Plauderton, liefert ein Bonmot nach dem anderen oder deklamiert wechselweise in deutscher, dann wieder in französischer Sprache.

Martin Graff, der wie Albert Schweitzer im elsässischen Munstertal aufwuchs, lässt in seinen Publikationen auch das Schmerzhafte zwischen den Alemannen Frankreichs und den Alemannen Deutschlands anklingen. Da hat es unzählige Absichtserklärungen Deutschlands gegeben, Frieden zu wahren, die dann doch gebrochen wurden. Immer noch gibt es leidige Grenzkontrollen und die Pflicht, bei Spaziergängen im Nachbarland Schweiz den Ausweis zu zeigen.

Doch leugnen und löschen lässt sich eben nicht, dass da Gemeinsames ist und dabei der verwegene Wunsch, alte Kopfgrenzen zu sprengen. In Anlehnung an Albert Schweitzer und seine Orgelkunst, die Idee, der „deutsche und der französische Genius“ möchten voneinander lernen. „Wir Elsässer fühlen deutsch. Das versteht der Franzose nicht.“

Selbst die Geografie gibt der Hoffnung eines Miteinanders Recht. „Jedes noch so enge Tal hat seine Öffnung, alles zeigt zum Rhein, der einen Weg in die ganze Welt weist“, so die Lesung. Sympathisch, welche Rolle Graff den Alemannen zuweist und sie ihrer Identität vergewissert. Sie seien die „Kurden Westeuropas.“

Ausklang des klingend-literarischen Ereignis bot Debussys „Clair de lune.“ Es kommt in seidenem Glanz daher, warm und weich. Da ist er wieder zu hören, der Traumtänzer. Der, der über Graffs Einladung auf die Sterne klettert oder auf den Wolken tanzt. Natürlich hat er Wurzeln. Im Dreiland. Aber er ist bereit, so Graffs Poetik, diese in die Luft zu hängen. Er tut dies, um besser aufs eigene und das Land der anderen zu blicken. Er ist bereit, sich für eine Weile die Mentalität der anderen zu eigen zu machen. Mit den Augen der jeweils anderen Sprache zu sehen. Denn, so zitiert Graff Hertha Müller: „In jeder Sprache sitzen andere Augen.“

 
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