Lörrach Alternative Wohnformen sind gefragt

Das Bild zeigt (v. l.) Kerstin Müller, Irena Rietz und Claus Seibt. Foto: Veronika Zettler   Foto: Die Oberbadische

Das Zukunftsforum, ein Kooperationsprojekt von Schöpflin Stiftung und fairNETZt, versteht sich als unabhängige Plattform zur Ideenfindung und Projektentwicklung. Zum Thema 2017 „WohnWandel: zukunftsfähig leben und arbeiten“ wurden Projektvorschläge in öffentlichen Denkwerkstätten und Arbeitsgruppen erarbeitet. Die Ergebnisse stellen wir in dieser Serie vor. Teil III widmet sich Mehrgenerationenhäusern.

Von Veronika Zettler

Lörrach. Es läuft so ähnlich wie (früher) in der Großfamilie: Die Jungen greifen den Alten, die Alten den Jungen unter die Arme. Man unterstützt sich, wo und wie man eben kann. Dem modernen Mehrgenerationenhaus liegen allerdings keine familiären Beziehungen zugrunde. Stattdessen leben Menschen verschiedener Sozial- und Altersgruppen unter einem Dach.

Die Seniorin aus dem Erdgeschoss (oder gleich die ganze Senioren-WG) hütet mal das Kind der alleinerziehenden Mutter, der Student gibt Nachhilfeunterricht oder pflegt den Gemeinschaftsgarten, dafür bekommt er öfter mal ein warmes Abendessen mit Gemüse aus demselben. Und regelmäßig treffen sich alle Bewohner im Gemeinschaftsraum zum Kaffeekränzchen, Spiele- oder Kochabend. Wer was wann macht, ob es überhaupt feste Vereinbarungen gibt, wird von Haus zu Haus unterschiedlich gehandhabt. „Zeigen, dass es das gibt“ (Kerstin Müller) und „zeigen, was es schon gibt“ (Irena Rietz), das war erklärtes Ziel der Arbeitsgruppe, die sich mit Mehrgenerationenhäusern und mit Bauen im Kollektiv wie Genossenschaft, Mietshäusersyndikat, Baugruppe und Bauverein befasste. Und so haben die Mitwirkenden vor allem eines getan: Beispiele gesucht und anschaulich aufbereitet. Als sie die Ergebnisse beim „Zukunftstag“ präsentierten, war die Resonanz beachtlich. „Wir hatten hinterher zwei volle DIN A4-Listen mit Interessenten“, sagt die Architektin Kerstin Müller. Machbare Lösungen gefragt Mancher könnte sich demnach das Leben im Mehrgenerationenhaus vorstellen. Und das nicht unbedingt erst in einem Alter, in dem die Alternative Seniorenheim hieße. „Es gibt ja viele, die nicht so in der klassischen Familienstruktur leben“, erklärt Kerstin Müller, „zum Beispiel Alleinstehende, Alleinerziehende oder Patchwork-Familien“. Irena Rietz ergänzt: „Wir brauchen geeigneten Wohnraum für Menschen mit besonderem Bedarf“. Beim Mehrgenerationenwohnen geht es also weniger um sozialutopische (schon gar nicht um kommunardische) Ziele, sondern vielmehr um pragmatische Lösungen.

Immerhin lassen sich genügend gelungene Beispiele finden, sagt Irena Rietz, die sich auch viele Jahre im Behindertenbeirat der Stadt Lörrach engagiert hat. Die Vitra-Ausstellung „Together“ über die „neue Architektur der Gemeinschaft“ mit Modellen aus aller Welt habe unlängst viel Anregung geliefert. Schon zwischen Basel und Freiburg spiegle sich der Trend wider. Kerstin Müller nennt das „3HäuserProjekt“ im Freiburger Neubaugebiet Gutleutmatten. Dort ist mit 150 zukünftigen Mietern das solidarische Mehrgenerationenwohnen ein zentrales Thema, die drei Wohnkomplexe mit 45 Wohnungen und Gesamtkosten von 14,8 Millionen Euro haben aber noch aus anderen Gründen Schlagzeilen gemacht. Denn Planung, Finanzierung und Bau der drei Häuser obliegen den künftigen Mietern. Die Basis bildet das Eigentums- und Finanzierungsmodell des Mietshäusersyndikats, einem Zusammenschluss selbst organisierter Mietshäuser mit über 100 Hausprojekten deutschlandweit. Soziale Kriterien Ohne Vergaberichtlinien für die Grundstücke wäre es bei den explodierten Preisen und harten Bieterkämpfen nicht gegangen. „Das Projekt konnte überhaupt nur zum Zuge kommen, weil die Stadt im Vergabeverfahren soziale Kriterien berücksichtigt hat“, erklärt der Zukunftsforscher Claus Seibt, ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe. Beim 3HäuserProjekt punkteten etwa der hohe Anteil an sozial gebundenen Wohnungen (70 Prozent) und die lange Mietbindungsdauer (55 Jahre). In jedem der barrierefreien Häuser gibt es eine rollstuhlgerechte Wohnung und einen Gemeinschaftsraum, zudem ist Wohnraum für Flüchtlinge und eine Kita vorgesehen. Wichtig ist Seibt auch die politische Komponente: „Die Häuser bleiben dem Immobilien- und Spekulationsmarkt entzogen“. Basel zeigt, wie’s geht Den Wohnungsmarkt weniger dem freien Markt überlassen, formuliert die Gruppe als Anliegen und verweist unter anderem auf die Basler Bodeninitiative, wonach der Kanton sein eigenes Land nicht mehr verkaufen, sondern nur im Baurecht an private oder institutionelle Investoren vergeben darf. Oder auf das Basler Felix-Platter-Areal und die neue Baugenossenschaft „wohnen und mehr“. Die Basler Regierung hatte 2015 entschieden, das Areal für genossenschaftlichen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen. Interessenten gesucht „Innovative Lösungen zeigen sich derzeit vor allem in Eigeninitiativen abseits der klassischen Immobilienentwicklung“, ist die Gruppe überzeugt. Deshalb treffen sich Kerstin Müller, Irena Rietz und Claus Seibt weiterhin. „Wenn sich genügend Interessierte finden, könnte man in Lörrach über ein konkretes Projekt nachdenken“, meint Isabell Schäfer-Neudeck von fairNETZt.   Kontakt: zukunftsforum@fairnetzt-loerrach.de

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