Lörrach Anarchisches Leseexperiment

 Foto: Jürgen Scharf

Lörrach - Elizaveta Bam ist ein unbescholtenes Mädchen. Eines Tages hämmern zwei Unbekannte an ihre Tür: „Aufmachen!“ Polizei? Geheimdienst? Gangster? Die Szene wechselt. Und die beiden Männer sind plötzlich wie ausgewechselt.

Immer neue Rollen werden in dem Theaterstück „Elizaveta Bam“ des russischen Avantgardisten Daniil Charms vorgestellt. Bedrohliches wechselt zum Clownesken, Tragisches wird zur Burleske. Am Schluss kehrt die Ausgangssituation der Verhaftung mit Angst und Bedrohung wieder.

Eine Groteske, die am Donnerstag in der Lesereihe „Wintergäste reloaded“ im Werkraum Schöpflin in einer Inszenierung des Schweizer Schauspielers Yannick Zürcher zu erleben war. Der 33-jährige Gastdramaturg hat aus den „dialogischen Fetzen“ von Charms einen szenischen Dialog erstellt, in den weitere Miniszenen, prosaische Texte ebenso wie dramaturgische eingebaut und zu einer anderthalbstündigen theatralischen Fassung verdichtet waren.

Yannick Zürcher bekam vom Werkraum die „Carte Blanche“, die zum dritten Mal vergeben wurde, also die „Freikarte“ für eine szenische Lesung, bei der der Veranstalter nicht „reinredet“. Der junge Theatermann hat in seiner zweiten eigenständigen Profiregie das Charms-Stück sehr speziell für vier Spieler inklusive ihn selber eingerichtet.

Futuristisches Theaterexperiment

Es ist eine Art futuristisches Theaterexperiment geworden. Eine Achterbahn mit Looping steil rauf und runter, assoziativ, wild. Ein ganz schöner Brocken, den sein Ensemble – alles freie Schauspieler unter 40 Jahren – da abzuspielen hatte. Aus den Textsplittern und „unsinnigen“ Dialogfetzen ist eine Art Potpourri entstanden, eine Montage aus den sprachspielerischen Gesprächen und kurzen Geschichten dieses Meisters des absurden Humors und der schwarzen Pointe.

Zürcher nimmt das Theaterstück als Grundgerüst und baut die verschiedenen dialogischen und monologischen Szenen wie ein Kaleidoskop ein. Nicht genug, er reichert die hintersinnigen Sprachverzerrungen noch mit schrägem Witz und Slapstickeinlagen an.

Urkomisch ist Laura Huonker in der Rolle als Salat essender Onkel. Grandios entledigt sich Daniela Britt der Titelrolle der Elizaveta. Fantastisch, wie die beiden zusammen mit Kolja Heiß, der einmal mit Dracula-Gebiss auftritt, zwischen den Prosatexten hin und her springen und kleine, groteske Episoden auf die Bühne bringen.

Szenisch toll gemacht ist, wie die Verfolger durch die Hände wie durch ein Megafon rufen. Angewandte Verfremdungstechnik und Überraschungseffekte treiben die Doppelbödigkeit der Textbotschaft bei diesem totalen Theater mit Spiel im Spiel über die Absurditäten und Boshaftigkeiten des Alltäglichen auf die Spitze.

Da musste man genau hinhören, um die Wirkung der einzelnen Momente, die Fantasie freisetzen, nicht zu verpassen. Zumal Autor Charms Sujet oder Handlung für unwesentlich hält und nur der Einzelmoment zählt. Einen Höhepunkt erreicht die absurde Komik in dem szenischen Dialogtext Puschkin/Gogol. Solche eigenwilligen Sprachbilder waren steile Spielvorlagen für bühnenwirksame groteske Einfälle. Der dramaturgische Gipfel ist erreicht, wenn Kolja Heiß grässlich tönend in eine Flöte pustet und eigentlich keinen Ton herauskriegt, damit aber seine Frau quält.

Einfache Ausstattung

Die Ausstattung war indes sehr einfach: Ein gedeckter Tisch versprach schon mal eine opulente Lesung. In kleinen Szenen spielt Yannick Zürcher sogar auf der Ziehharmonika; überhaupt ist die Inszenierung latent musikalisch, es wird rhythmisch skandiert oder gemeinsam im Takt gestottert, wenn Charms sagt: „Ich rede, um zu sein“.

Was bleibt an Satzfetzen in Erinnerung? Vielleicht das: „Im Vergleich zu Puschkin sind alle Pfeifen. Im Vergleich zu Gogol ist Puschkin selbst eine Pfeife.“ Unterm Strich also ein anarchisches Leseexperiment, das jedenfalls nicht langweilte. War das schon Theater? Ja. Eine richtige Studiobühne. Nastrowje!   Die letzten Wintergäste: Sonntag, 10. Februar, Stanislaw Lem „Solaris“: 11 Uhr Werkraum Schöpflin, 16.30 Uhr Ackermannshof Basel

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