Lörrach Kinderbetreuung zwischen Anspruch und Realität

Lörrach - In einem offenen Brief wendet sich eine Gruppe von Erziehern an die Stuttgarter Landesregierung. Wir drucken den Brief in Auszügen ab.

Seit dem 29. Juni arbeiten die Kolleginnen und Kollegen also wieder, im „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“. (...)

Erheblichen Einschränkungen in den Einrichtungen

Das es unter diesen Bedingungen zu teilweise erheblichen Einschränkungen in den Einrichtungen kommt, musste Ministerpräsident Kretschmann und Ministerin Eisenmann klar gewesen sein. Und dass in den Schulen und Kitas auch zukünftig Personal aufgrund von Vorerkrankungen in der Arbeit am Kind fehlen werden, war abzusehen. Sonst hätte man in Stuttgart auch nicht beschlossen, dass der Mindest-Personalschlüssel in den Kindergärten nun um 20 Prozent unterschritten werden darf. Eine Antwort aber auf die Frage, wie das in den Einrichtungen konkret umgesetzt werden soll, bleibt die Politik jedoch schuldig.

Wie schwierig die Situation der Fachkräfte ist und welche enormen Herausforderungen sie sich gegenüber sehen, scheint allenthalben niemanden zu interessieren. Die zu Unzeiten, am Wochenende abends eintrudelnden Emails und PDFs sollen nur Tage später in aktualisierten individuellen Hygieneplänen abgebildet werden, ebenso in transparenten, leicht verständlichen Elternbriefen erklärt und erläutert. Vom Anpassen der jeweiligen pädagogischen Konzeption einer Einrichtung an die Pandemiebedingungen, bis hin zum Verschieben und Verbiegen der komplexen Dienstpläne, ganz zu schweigen.

Aufsichtspflicht aufgeweicht

Die Aufsichtspflicht wird – besonders in den sogenannten „Randzeiten“ – auf ein beinahe unerträgliches Mindestmaß aufgeweicht (...).

Der Erziehungs- und Bildungsauftrag gilt aber natürlich auch weiterhin, so heißt es in den Verlautbarungen der Politik und der diversen Träger – bei der politischen Entscheidung, wieder komplett zu öffnen, kann dieser Anspruch jedoch nicht Priorität genossen haben, weil es vielerorts im Kindergarten auf Betreuung hinauslaufen wird. Der Mangel an Fachkräften und Kapazitäten war bereits vor Corona ein Problem, und wohlbekannt – und geht dieser Tage noch mehr zu Lasten der Kinder.

Kinder leiden an Bewegungsmangel

Schon jetzt leiden viele Kinder z.B. an Bewegungsmangel, was sowohl physische als auch psychische, emotionale Folgen hat. Nun sollen Kinder und Erzieher also viel Zeit „draußen“ verbringen. Singen, Tanzen und Turnen zum Beispiel, sollen in Zukunft im Außenbereich stattfinden, allerdings sollen sich auch dort die festen Gruppen möglichst nicht mischen. Wie das vor Ort in der jeweiligen Einrichtung konkret funktionieren soll, bleibt leider offen.

Das Abstandsgebot zwischen Erwachsenen gilt jedoch weiterhin, was auch in der Elternarbeit zu Veränderungen und Einschränkungen führt. Teils über Jahre aufgebaute Beziehungen können nicht in gleicher Form gepflegt werden, Tür- und Angelgespräche fehlen, Eltern bleiben an der Gruppentüre, oder sogar vor dem Gartentor ausgesperrt. Bring- und Abholsituationen haben sich verändert. Entwicklungsgespräche fallen ohne „Dringlichkeit“ ganz weg. Und wie die Eingewöhnung der neuen Kinder gelingen wird, mit deren begleitenden Eltern, auf 1,5 Meter Abstand zwischen den Erwachsenen, und gleich mehrere pro Woche – mit oder ohne Mundschutz – dafür gibt es hoffentlich bald ein paar Orientierungshinweise.

Aber nicht nur die Mitarbeiter mit Präsenzpflicht am Kind, nicht nur die Eltern, die teils mit der Erziehung, oder mit Berufs- und Zukunftssorgen überfordert sind, und nicht allein die Kinder haben sich im vergangenen Vierteljahr alleingelassen gefühlt – auch den Mitarbeitern aus den Risikogruppen fehlte es an einer klaren Linie seitens der Politik und der Träger.

Berufs- und Zukunftssorgen

„Oberste Priorität hat weiterhin der Schutz der Gesundheit“ heißt es jetzt immer noch plakativ, auch wenn weiterhin ein Infektionsrisiko besteht, wie auch das Landesgesundheitsamt bestätigt. Der psychische Druck ist für diese Mitarbeiter enorm hoch, vor allem auch wegen des moralischen Drucks, welcher teilweise von Kollegen oder Trägern, die den Personalausfall kompensieren müssen, ausgeübt wird. (...)

Wir Erzieherinnen und Erzieher wissen womöglich am Besten über den Erzieherberuf Bescheid. Wir wissen um die Bedürfnisse der Kinder, was sie für eine gesunde Entwicklung benötigen – und was ihnen fehlt, wenn sie monatelang nicht in den Kindergarten kommen dürfen. Deshalb können die Lockerungen nur begrüßt werden. Allerdings kommt es auch auf das „Wie“ an. Wenn die Qualität der pädagogischen Arbeit unter Umständen leidet, dann merken wir das. Wir merken, wie auch die Kinder darunter leiden; und wir leiden auch selbst an diesen Bedingungen.

Uns ist der Erziehungs- und Bildungsauftrag in unserer Arbeit sehr wohl bewusst – und genau deshalb können die pädagogischen Fachkräfte auch zu Recht einfordern, dass die Versäumnisse der Politik, die Vielzahl an Einschränkungen, und die komplexen Herausforderungen dieser Pandemiebedingungen ehrlich, offen und laut benannt werden. Das würde unsere Arbeit sehr erleichtern. Und wäre zudem eine Form der Wertschätzung für ein systemrelevantes Berufsfeld. 

Die Unterzeichner sind: Michael Havlitschek, Karlheinz Däublin, Therese Witek, Jessica Stonjek, Petra Reimann, Erzieherin, Ulrike Iding, Karin Moser, Ingrid Fränkle, Ulla Specht, Lisa Kaufmann, Renate Marx, Sabrina Kremer, Nadia Puglisi, Anna Schreier und Irina Schmidt

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