Lörrach „Antisemitismus  ist  deutlicher  spürbar“

Die Oberbadische, 13.06.2018 18:30 Uhr

In jüngster Zeit haben in Deutschland Vorfälle für Aufsehen gesorgt, die mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werden. Haben antisemitische Tendenzen zugenommen? Wo und wie zeigt sich Antisemitismus heute? Bernhard Konrad hat im Gespräch mit Moshe Flomenmann, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Lörrach und Landesrabbiner von Baden, nachgefragt.

Frage: Herr Flomenmann, in Berlin soll ein junger Mann attackiert worden sein, weil er als Experiment eine Kippa trug. Der mutmaßliche Angreifer war laut Medienberichten ein Palästinenser aus Syrien. Wäre ein solches Szenario noch vor einigen Jahren unwahrscheinlicher gewesen? Ist die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten generell gestiegen, oder zeigt er sich schlicht offener?

Sowohl als auch. Vor dem Jahr 2015 wäre solch ein Vorfall tatsächlich unwahrscheinlicher gewesen. Unterdessen zeigt sich Antisemitismus bei ganz bestimmten Gruppen offener. Die entsprechenden Leute sehen, dass sie machen können, was sie wollen und im Grunde kaum dafür bestraft werden.

Frage: Sie spielen mit 2015 auf das Jahr an, in dem zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Man muss die Dinge und ihre Ursachen beim Namen nennen: Bevor die Flüchtlingsströme nach Deutschland kamen, waren solche Vorfälle weniger wahrscheinlich. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ich Flüchtlinge im Allgemeinen für solche Zwischenfälle verantwortlich machen möchte. Ich behaupte ebenso wenig, alle Flüchtlinge seien antisemitisch eingestellt. Aber es ist eine Tatsache, dass viele Flüchtlinge aus Regionen stammen, in denen Feindbilder von Israel und den Juden kultiviert werden. Die Bevölkerung bekommt diese Vorbehalte gegenüber Menschen mit jüdischem Glauben, Synagogen oder jüdischen Friedhöfen schon früh mit auf den Lebensweg. Es gibt da nichts schön zu reden: Seither ist Antisemitismus in Deutschland deutlicher zu spüren.

Frage: Wie nehmen Sie die politische Debatte hierüber wahr?

Sie geht leider oft an der Sache vorbei. Man muss wissen: Wenn früher von Antisemitismus die Rede war, wurde vor allem an Neonazis mit Bomberjacken gedacht. Heute tragen Menschen mit antisemitischen Vorbehalten auch Krawatte und Anzug, und sie sitzen mitunter in Top-Etagen von Unternehmen – manche arbeiten sogar in Schulen oder Schulaufsichtsbehörden. Antisemitismus zeigt sich heute auf vielfältigere Art und Weise.

Frage: Wie würden Sie das Phänomen näher beschreiben?

Der Journalist Henryk M. Broder hat gesagt, es gibt drei Arten von Antisemitismus: vor 1933 gab es die Antisemiten und die Juden. Nach 1945 gab es Antisemitismus ohne Juden – aus den bekannten Gründen. Heute gibt es Antisemitismus ohne Antisemiten. Niemand sagt heute mehr, er sei Antisemit. Stattdessen wird dem Antisemitismus eine neue Form gegeben – es ist wichtig, das zu verstehen.

Frage: Welche zum Beispiel?

Beispielsweise in der Art und Weise, wie der Staat Israel als Zielscheibe für Kritik vorgeschoben wird.

Frage: Der Staat Israel und seine Politik können nicht außerhalb der Kritik stehen.

Ich versichere Ihnen, dass die Juden in Israel ihr Land oder ihre Regierung härter kritisieren, als Deutschland und die Deutschen in Israel zusammen. Wenn aber etwa Israel dafür kritisiert wird, dass die Grenzen von Hamas-Terroristen verletzt werden und andererseits tausende von Kindern in Syrien mit oder ohne Gaseinsatz umgebracht werden und die UNO dazu schweigt, dann werden verschiedene Beurteilungsstandards angewandt.

Wenn politische Sachverhalte im Zusammenhang mit dem Staat Israel kritikwürdig sind, zögern Juden nicht, dies zu tun. Tatsächlich wird Antisemitismus aber immer wider als Israelkritik verschleiert.

Frage: Woher kommt dieser noch heute festzustellende Antisemitismus? Zumal nach 1945 in Schulen und Bildungseinrichtungen sehr deutlich gemacht wurde, welche Verbrechen unter den Nationalsozialisten geschehen sind? Woher kommen die Stereotypen?

Manches wurde nach Deutschland importiert – auch schon vor der Flüchtlingswelle. Nehmen wir Berlin-Neukölln: Dort leben nicht viele Flüchtlinge, aber es wäre trotzdem gefährlich, mit einer Kippa durch die Straßen zu laufen.

Es gibt Antisemiten, die durch verschiedene Umstände zu solchen geworden sind und es gibt Antisemiten, die mit Antisemitismus aufgewachsen sind, die gewissermaßen hineingeboren wurden. Dennoch können wir mit Menschen in Kontakt treten, etwa bei Führungen in der Synagoge, um aufzuklären, Fragen zu beantworten und Vorurteile abzubauen.

Woher diese Stereotypen kommen – ich weiß es offen gestanden nicht. Es ist nicht logisch zu erklären.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie bei Führungen in der Synagoge gemacht?

Wir hatten vor einiger Zeit eine Führung mit jungen Muslimen. Sie haben sich geweigert, in der Synagoge eine Kippa zu tragen. Wir haben daraufhin erklärt, warum es diese Regel gibt und warum sie nicht einfach ignoriert werden kann. Letztlich waren unsere Besucher damit einverstanden – auch, weil wir ihnen etwas entgegengekommen sind. Während der Führung haben wir unter anderem erklärt, dass wir mit Abraham einen gemeinsamen Vorfahren haben – und nach der Führung haben wir in andere Gesichter geschaut. Das ist das Entscheidende: Dass wir miteinander reden, aufklären, nachdenken, Stereotypen überwinden.

Frage: Unterdessen sehen Sie die Flüchtlingsunterkunft am Bächlinweg – in Nachbarschaft des jüdischen Friedhofs – mit Skepsis.

Dass die jüdische Gemeinde Bedenken wegen der Unterkunft am Bächlinweg hat, hängt nicht mit einer Ablehnung von Flüchtlingen zusammen: Unsere Gemeinde ist von Kontingentflüchtlingen aus den 90er Jahren geprägt – wir wissen, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Aber es ist doch nachvollziehbar, wenn wir in dieser Konstellation Sorge um den jüdischen Friedhof in der Nachbarschaft der Flüchtlingsunterkunft haben.

Frage: Sie unterstützen demnach ohne Einschränkung die Aufnahme von Flüchtlingen aus humanitären Gründen?

Ja! Aber Flüchtlinge, die hier in Deutschland Straftaten begehen, nenne ich nicht mehr Flüchtlinge. Kriminelle, Banden, organisiertes Verbrechen: Das sind keine Flüchtlinge. Menschen, die Schutz suchen für Leib und Leben und das Leben ihrer Kinder, sind für mich Flüchtlinge. Übrigens sind darunter auch viele Christen und Jesiden, nicht ausschließlich Muslime – das wird gelegentlich vergessen. Der Punkt ist: Wenn jemand keine Bereitschaft mitbringt, sich in Deutschland zu integrieren, die Sprache zu erlernen, die Kultur des Landes zu akzeptieren, die Spielregeln anzuerkennen, dann hat er nach meiner Auffassung hier nichts zu suchen. Niemand verlangt Assimilation: Christen, Juden Muslime – sie sollen ihre Religion hier leben dürfen. Aber: in Einklang mit dem Grundgesetz. Parallelgesellschaften sind nicht akzeptabel.

Frage: Wie beurteilen Sie den Umgang der Bundespolitik mit diesem schwierigen Thema, das schließlich auch zu populistischen Aussagen einlädt?

Hierzu möchte ich nur folgendes sagen: Kürzlich wurde das jüdische Mädchen Susanna, Mitglied der jüdischen Gemeinde Mainz, mutmaßlich ermordet. Sofort waren Appelle von Politikern zu hören, man dürfe Flüchtlinge nicht pauschal verurteilen. Von Mitgefühl für die betroffene Familie habe ich nichts gehört. Man kann sich nicht vorstellen, was diese Familie jetzt durchmacht.

Ich finde, man muss gezielt und sachlich Dinge ansprechen und unmissverständlich kritisieren dürfen. Allmählich geht immer mehr Sicherheitsgefühl und Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. Der unbedingte Wille zu einer „politisch korrekten“ Haltung mancher Politiker steht einer wirklich offenen Diskussion oftmals im Weg.

Frage: Sie sind auch Landesrabbiner von Baden. Gibt es Kontakte von Seiten der jüdischen Vertreter zu den Islamischen Verbänden?

Es besteht ein sehr gutes Verhältnis zur Islamischen Gemeinde, auch auf der Bundesebene. Wir betonen auch gegenüber den Islamverbänden immer wieder unmissverständlich, dass die Gleichsetzung von Islam und Islamisten inakzeptabel ist. Ebenso die Gleichsetzung von Flüchtlingen mit Kriminellen.

Frage: Wie sehen Sie die interreligiöse Gruppe Abraham in Lörrach derzeit aufgestellt, die den Kontakt zwischen Christen, Juden und Muslimen pflegen soll?

Sie ist nach wie vor eine Plattform des Austauschs. Ob sie heute noch dem entspricht, was bei ihrer Gründung im Jahr 2001 beabsichtigt war: nämlich, dass wir in ihr auch offen Probleme ansprechen können und dennoch versuchen, als Einheit aufzutreten... – ich bin nicht sicher, ob sie dies heute noch darstellen kann, ob dieses Ziel überhaupt noch von allen Beteiligten verfolgt wird.

Die Gruppe Abraham sollte zum einen nicht die Funktion haben, zu belehren und Teilnehmer von einem bestimmten Weg zu überzeugen – jeder hat seinen eigenen Weg. Zum anderen muss die Gruppe offen sein. Ausgrenzungen und Diskriminierungen müssen tabu sein, sonst sehe ich keinen Sinn in der Gruppe. Wenn dort Ablehnung gegen eine andere religiöse Gruppe kultiviert wird, ist die Gruppe Abraham fehl am Platz.

Frage: Wie ist die Situation der Israelitischen Kultusgemeinde in Lörrach? Begegnen die Mitglieder Antisemitismus?

Tatsächlich haben viele jüdische Jugendliche Bedenken oder sogar Angst davor, in der Schule zu sagen, dass sie Juden sind, weil sie dann gemobbt werden könnten – in Lörrach, nicht in Neukölln, obgleich die Zustände in unserer Stadt sicher wesentlich moderater sind. Wir müssen auch in Lörrach darüber nachdenken, wie wir Antisemitismus entgegentreten – die Situation ist nicht ganz so intakt, wie wir sie sehen wollen.

Frage: Wie äußert sich dieser Antisemitismus an Schulen im Alltag?

Judenwitze, Beleidigungen..., „Du Jude!“ wird immer häufiger als Schimpfwort verwendet – ganz offen, damit haben viele gar kein Problem.

Hier stellen wir Veränderungen fest Es ist durchaus beängstigend, wie sich dieses Niveau seit den 90er Jahren entwickelt hat – was heute als gesellschaftsfähig akzeptiert wird.