Lörrach Auf der Suche nach Querdenkern

Constanze Wehner (v. l), Thomas Sattelberger und Tim Göbel im Gespräch Foto: Willi Vogl Foto: Die Oberbadische

Unter dem Motto der Vortragsreihe „Zukunft ist jetzt: Impulse für eine zeitgemäße Bildung“ lud die Schöpflin Stiftung am Donnerstag den Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger zum Vortrag und anschließendem Podiumsgespräch ein.

Von Willi Vogl

Lörrach-Brombach. Der 70-Jährige ging als Spätberufener in die Politik. Nach einer politisch bewegten Vita folgte eine steile Karriere in deutschen Konzernen, zuletzt war er bei der Telekom als Personalvorstand tätig. 2015 trat er in die FDP ein und nimmt seit 2016 für die Partei ein Bundestagsmandat wahr.

In seinem Impulsvortrag gab Sattelberger einen Überblick über Kernthemen in Wirtschafts- und Bildungsdebatten. Hier spielten Schlagworte wie „Elite versus soziale Durchlässigkeit“, „Effizienz versus Humanismus“ oder „Kreation versus Industrialisierung“ eine Rolle. „Oft fehlt die Vielfalt, stattdessen herrscht Konformität“, stellt Sattelberger bei vielen Großunternehmen fest. Deutschland sei ein Maschinenhaus.

Vor allem mit Blick auf die dominierende Autoindustrie und des oft zu langen Verharrens in alten Produktionsstrukturen konstatiert er eine „industrielle Monokultur“ und stellt die Frage in den Raum, ob das Land auch ein genügend starkes volkswirtschaftliches Spielbein für digitale Ökonomie entwickeln könne.

Dabei kommt er auf die Verfügbarkeit bestimmter Fähigkeiten oder die Bereitstellung notwendiger finanzieller Mitteln zu sprechen, um Bildung im schulischen und hochschulischen Bereich zukunftsfähig zu machen. In Anlehnung an die Brüche in der eigenen Vita hält er es für ein Unternehmen für vorteilhaft, wenn ein genügend großer Anteil von Firmenangehörigen vor allem im Management „Querdenker“ und „Rebellen“ sind.

Überbetonung von „Soft Skills“ als vordergründige Tauglichkeitskriterien

Mit dem Schlagwort „Schmidt sucht Schmidtchen“ deutet er auf einen schädlichen Mechanismus bei der Rekrutierung von Personal hin, bei dem nicht notwendigerweise der Beste ausgewählt wird, sondern der Kandidat, der die größte Ähnlichkeit zum bestehenden Personaltableau aufweist. Kaum ein Vorstandsvorsitzender komme aus der Arbeiterschicht, und oft stehe nicht die Frage nach der besten Leistung im Vordergrund, sondern, wer sich auf der Chefetage am besten benehmen könne. Karriereblockaden seien häufig Andersartigkeit, „Weicheier“, Unangepasste, „Stillose“ oder kritisch Hinterfragende. „Man soll nach Rebellen suchen und nicht Böcke zu Gärtnern machen“, fordert Sattelberger.

Die Ursachen für die Überbetonung von „Soft Skills“ als vordergründige Tauglichkeitskriterien sieht Sattelberger bereits im Bildungssystem verankert. Wenngleich Intelligenz eine statistisch gleichmäßig in der Bevölkerung verteile Größe ist, belegten Studien in Deutschland ein krasses Missverhältnis zwischen den Bildungsabschlüssen von Arbeiter- und Akademikerkindern.

Festgefahrene Rekrutierungsmechanismen könnten jedoch aufgebrochen werden. Ziel sei es, eine von Diversität geprägte Belegschaft zu entwickeln, die kreativ den eigenen Arbeitsrahmen mitbestimmt. Hier nennt er als positives Beispiel für ein auf Effizienz ausgerichtetes Bewerbungsverfahren den Probespielprozess in Profiorchestern: Die Bewerber spielen anonymisiert hinter einem Vorhang. Darum gebe nicht der „Stallgeruch“ oder die Beziehungen den Ausschlag, sondern die reine Qualität des Musizierens. Bereits in der Schule könne man mit „alternativen Lernorten“ den Blick auf bessere Auswahlkriterien im späteren Berufsleben und ein kreativer Umgang mit dem dafür notwendigen formalen Wissen fördern, so Sattelberger und nennt als Beispiel den Roman „Club der toten Dichter“.

In dem von Projektleiterin Constanze Wehner und dem geschäftsführenden Vorstand Tim Göbel moderierten Gespräch stellte das Publikum konkrete Fragen zu den Entwicklungsmöglichkeiten kreativen Potenzials oder den politischen Mechanismen in der Bildungslandschaft. „Um den Bundestag herum ist eine Schicht Verbandslobbyisten. Das ist die Volkshochschule für die Parlamentarier“, beschrieb Sattelberger den politischen Wissenstransfer. Frei plauderte er auch über die Abhängigkeit von Berufspolitikern von ihren Wahlkreisen und skizzierte als Ideal ein politisches Selbstverständnis, das zuerst die Person, dann das Abgeordnetenmandat und zuletzt die Parteizugehörigkeit in Reihe stellt.

„Gehen Sie nicht in die alten Konzerne, außer Sie sind sicherheitsorientiert. Aber da könnten sie auch gleich zum Finanzamt gehen“, empfiehlt Sattelberger den anwesenden DHBW-Studenten auf Nachfrage. „Schnupperpraktika helfen bei der Entdeckung des eigenen Talents.“

Sattelbergers Vortrag war nicht zuletzt durch seinen kompetenten wie respektlosen Blick auf den Zusammenhang zwischen Bildung und Karriereplanung anregend. Nach Beendigung seines eigenen kontrastreichen Berufslebens war er zudem in hohem Maße glaubwürdig: „Als Rentner muss ich nichts mehr beweisen.“

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