Lörrach Auf Spuren der „Armen von Lyon“

Foto: Walter Bronner Foto: Die Oberbadische

„Wir waren alle Waldenser, aber wir wussten es nicht“, soll Martin Luther einmal über die Glaubensbewegung der „Armen von Lyon“ gesagt haben. Denn knapp 350 Jahre vor seinem Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche formierte sich diese religiöse Gemeinschaft, die sich in Lehre, Frömmigkeit und Alltagsleben ganz auf die Bibel bezog.

Lörrach. Eine Veranstaltungsreihe der Lörracher Matthäusgemeinde setzt sich jetzt auf die Spuren der Waldenser, die als „Ketzer, aber doch evangelisch!“ auf eine ebenso bewegte wie von viel Drangsal begleitete Geschichte blicken können.

Darüber referierte zum Auftakt am Freitagabend in der Alten Feuerwache Pfarrer Luca Ghiretti vor einem großen Hörerkreis. Er selbst studierte Theologie an der Waldenserfakultät in Rom und war vor seiner Berufung nach Lörrach Seelsorger einer italienischen Waldensergemeinde.

Geschichte der tiefgläubigen Laienbewegung

Ergänzt durch Bild-, Film- und Textprojektionen schilderte er die Geschichte der tiefgläubigen Laienbewegung, die von Anfang an auch Frauen zum Predigtdienst berief, von deren Gründung anno 1176 bis zur Gegenwart.

Den Schwerpunkt seiner Ausführungen widmete Ghiretti den südfranzösischen und norditalienischen Waldensern. Pierre Valdes (Petrus Waldus), der Begründer der Gemeinschaft war ein reicher Kaufmann und kirchenkritischer Pazifist, der seinen Besitz zugunsten der Armenfürsorge und der Bibelübersetzung in die Volkssprache seiner Heimat veräußerte und als Laienprediger missionierte. Die Bewegung fand rasch Anhänger von Spanien bis ins Baltikum, war aber vom vierten Laterankonzil (1215) an immer wieder massiven Ketzerverfolgungen ausgesetzt.

In ihrem Ursprungsgebiet lebten die Waldenser deshalb zurückgezogen in schwer zugänglichen Alpentälern, wo sie heimliche Gottesdienste abhielten, seitenweise Bibeltexte auswendig lernten und ihre Verfolger wiederholt geschickt austricksten.

In Deutschland in die protestantischen Landeskirchen integriert

Während der Reformation schlossen sich die alpenländischen Waldenser der Glaubenslehre Calvins an; in Deutschland wurden sie in die protestantischen Landeskirchen integriert. Die Gegenreformation und die Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes (1598) hatten weitere blutige Verfolgungen mit Hinrichtungen auf Scheiterhaufen, Zwangstaufen, Galeerenstrafe und Vertreibungen, aber auch massive Gegenwehr zur Folge. Viele Flüchtlinge aus den Alpenregionen fanden wie die Hugenotten in Deutschland Aufnahme. Erst 1848 erlangten die Waldenser in Italien vollgültige religiöse und bürgerliche Gleichstellung.

Neben diesem geschichtlichen Abriss ließ Ghiretti im Filmbeitrag auch seine piemonteser Waldenserfreunde als selbstbewusste Bekenner ihres Glaubens zu Wort kommen, informierte über die Beziehungen der Waldensergemeinden zu anderen christlichen Kirchen und erläuterte die individuellen liturgischen Riten sowie die Bedeutung des Waldenser Wappens, das einen von sieben Sternen umrahmten Leuchter unter der Überschrift „Lux lucet in tenebris“ (das Licht leuchtet in der Dunkelheit) darstellt.

  Über „Die Waldenser heute“ referiert er am 27. Januar im evangelischen Gemeindehaus Inzlingen, und zum Abschluss wird am Sonntag (29.) in der Stadtkirche ein Gottesdienst in Waldensertradition gefeiert.

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