Lörrach Aus Not zurück zum Peiniger

Im Fokus: Gewalt gegen Frauen Foto: Jan-Philipp Strobel

Lörrach - Gewalt gegen Frauen – dieses Thema dominiert die Arbeit des autonomen Frauenhauses in Lörrach. Das wird beim Blick auf den nun vorgelegten Jahresbericht 2020 deutlich. Neben Statistiken und Berichten aus dem Alltag stehen Gewalterfahrung und ihre Konsequenzen im Fokus.

Wichtiges Anliegen ist daher die Erweiterung von Plätzen, denn der Bedarf ist groß. „Wir haben auch während Corona-Zeiten für die Erweiterung der Plätze im Frauenhaus gekämpft und werden diesen Kampf fortsetzen“, heißt es in der Einleitung. Zwei zusätzliche Plätze wurden dem Frauenhaus dieses Jahr finanziert – insgesamt sind es nun 14. Dennoch bestehe weiterer Bedarf, heißt es auf Nachfrage, und das Team hofft auf die Genehmigung weiterer Plätze.

Die Statistik

2020 haben 42 Frauen und 32 Kinder Zuflucht im Frauenhaus Lörrach gesucht und gefunden. 87 Frauen und 105 Kinder mussten aus Platzmangel jedoch abgewiesen werden. Natürlich hatte auch die Pandemie Auswirkungen auf die Belegung. So musste diese im ersten Lockdown heruntergefahren werden, um auf mögliche Quarantänemaßnahmen reagieren zu können und den Frauen und ihren Kindern ein wenig Abstand im sonst sehr beengten Haus zu ermöglichen. Daher liegt die Auslastung trotz des reduzierten Angebots bei sehr hohen 81 Prozent.

Die Aufenthaltsdauer blieb gegenüber dem Vorjahr weitgehend konstant: Viele Frauen (26 Prozent) bleiben zwischen zwei und sieben Tagen, das heißt, so lange, bis der größte Schock über die Gewalterlebnisse überwunden ist. Danach verharmlosen viele das Vorgefallene und kehren oft in die alten Verhältnisse zurück.

Die meisten der Schutz suchenden Frauen (25 Prozent) sind im Alter zwischen 26 und 35 Jahren. Dennoch sind insgesamt alle Altersgruppen vertreten. Ein Großteil der Betroffenen wird durch die Polizei, Beratungsstellen oder Krankenhäuser vermittelt. Das Frauenhaus werde als „Rettungsstelle in der Not wahrgenommen“. Durch Ärzte kam es zu keiner Vermittlung. Ein Viertel der Frauen fand den Weg ins Frauenhaus aus Eigeninitiative.

Problem Wohnungssuche

Großes Problem für die Frauen ist, wo sie im Anschluss wohnen können. Fast 22 Prozent haben das dennoch geschafft. Stark gestiegen ist die Zahl der Frauen, die zu ihrem Misshandler zurückgekehrt sind (26 Prozent)Das ist eine dramatische Entwicklung“, so das Team.

In 76 Prozent der Fälle ist der Misshandler der Lebenspartner. 17 Prozent sind aus dem Elternhaus geflüchtet. Immerhin haben 33 Prozent der Betroffenen ihre Peiniger angezeigt. Dramatisch ist die Gewalterfahrung insbesondere für die Kinder. 40 Prozent sind erst zwischen zwei und fünf Jahren alt. Mit 50 Prozent bleibt die Zahl der kinderlos flüchtenden Frauen hoch.

Das Team

Im Jahresbericht wird durch Eigenberichte die Arbeit des Teams vorgestellt. Auch ein Dienstjubiläum gab es zu feiern: Seit 30 Jahren engagiert sich Doris Sicklinger unermüdlich im Frauenhaus Lörrach: „Eine große Anzahl von Gewalt betroffener Frauen und deren Kinder hat sie in dieser Zeit auf ihrem Weg in ein neues Leben begleitet.“

Vorgestellt werden zudem zwei neue Mitarbeiterinnen, die sich 2020 dafür entschieden haben, die Herausforderung der Mitarbeit im Frauenhaus anzunehmen: Elisa Müller und Jana Steinke.

Das Team des Frauenhauses dankt allen Unterstützern. Als Wünsche für die Zukunft ließe sich Elisa Müller zitieren: „Ich wünsche mir mehr Schutzplätze für Frauen und Kinder.., dass die Einzelfinanzierung abgeschafft wird..., dass Frauen nach der Krise eine bezahlbare Wohnung finden und ein selbstbestimmtes Leben führen können und dass Frauen nicht stigmatisiert werden, wenn sie Opfer von Gewalt werden.“

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