Lörrach Aus Scherben neu errichtet

Markus Greiß

350 Jahre jüdisches Leben in Lörrach und 25 Jahre Wiedergründung der Gemeinde: Dieses Doppeljubiläum begeht die Israelitische Kultusgemeinde am kommenden Freitag. 1. Juli, mit einem Festgottesdienst und Empfang in der Synagoge.

Von Markus Greiß

Lörrach. Der offizielle Festakt soll laut Rabbiner Moshe Flomenmann auch dazu anregen, über das Erreichte zu reflektieren. Die Feierlichkeiten zu den beiden Jubiläen hätten eigentlich schon vor zwei Jahren stattfinden sollen – genau 350 Jahre nach der erstmaligen urkundlichen Erwähnung jüdischen Lebens in Lörrach und 25 Jahre nach Neugründung der israelitischen Gemeinde in der Lerchenstadt. Doch die Pandemie machte den Organisatoren 2020 einen Strich durch die Rechnung.

„Alles ist kaputt gegangen, doch wir haben es wieder aufgebaut“

Das Versäumte nun in einem offiziellen Rahmen nachzuholen, hält Rabbiner Flomenmann für wichtig, um über die Wiederbelebung der Gemeinde und das Erreichte öffentlich zu sprechen. „Auf den Scherben der alten Gemeinde haben wir eine neue aufgebaut“, so Flomenmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Und dies in einer Kommune, die sich während des Nationalsozialismus als „negativer Vorreiter“ hervorgetan hat. Als erste deutsche Stadt habe sie mit den Worten „Lörrach ist judenfrei“ Vollzug nach Berlin gemeldet.

„Alles ist kaputt gegangen, doch wir haben es wieder aufgebaut“, betont der Geistliche. Ein wichtiges Symbol für den erfolgreichen Wiederaufbau der Lörracher Gemeinde war die Fertigstellung einer neuen Torarolle, die am 9. November 2018 – 80 Jahre nach Zerstörung der alten und zehn Jahre nach dem Bau der neuen Lörracher Synagoge – im Stuttgarter Landtag unter Beteiligung der Landtagspräsidentin und aller Fraktionsvorsitzenden vollendet wurde.

Wie es 1995 zur Wiederbelebung der Gemeinde kam, skizzierte die Gemeindevorsitzende Hanna Scheinker: Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen viele jüdische Menschen nach Deutschland, so auch nach Lörrach. Die junge Lörracher Gemeinde traf sich zunächst in einer Wohnung, wo sie von einem Rabbiner aus Freiburg mitbetreut wurde. Scheinker leistete den Neuankömmlingen damals wichtige praktische Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche, bei der Erklärung deutscher Sitten sowie beim Spracherwerb. Im Austausch mit Lörracher Rektoren gelang es, geeignete Bildungswege für die Kinder zu finden. „Alle haben die Schule beendet, viele studierten“, berichtet sie.

Auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine wenden sich auch jetzt wieder jüdische Bürger aus Osteuropa an die Gemeinde. „Wir haben die Menschen aufgenommen“, so Scheinker. Führt der Krieg zu Diskussionen unter den Gemeindemitgliedern? „Wir streiten nicht“, antwortet Flomenmann. „Wir wollen ein friedliches jüdisches Miteinander. Wichtig für uns ist die Tora und Gott. Wir sprechen vom Frieden.“ Flomenmann ist nach den Worten Hanna Scheinkers ein großes Glück für die Entwicklung der orthodox geführten Einheitsgemeinde. „Der Rabbiner ist die wichtigste Person in der Gemeinde“, so Scheinker. „Er kann die Heilige Schrift auslegen, wir müssen nach ihr leben. Wir sind stolz, ihn zu haben.“

„Friedliches Miteinander auf dem Boden des Grundgesetzes“

Flomenmanns Anliegen ist es, das Wissen über die jüdische Religion zu vermitteln, mit den anderen Konfessionen „ein friedliches Miteinander auf dem Boden des Grundgesetzes“ zu pflegen und „über die Gemeinsamkeiten der monotheistischen Religionen aufzuklären“. Dies etwa durch Synagogen- und Friedhofsführungen sowie das Engagement in der Lörracher „Gruppe Abraham“, die den Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen fördert.

Wisse man um die Gemeinsamkeiten, sei „kein Platz für Hass“, so Flomenmann. Hass gegen jüdische Bürger und Einrichtungen ist aber leider auch in Lörrach Realität: So flogen am letzten 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, Eier gegen die Synagoge. Antisemitismus gebe es von rechter, linker und islamistischer Seite. Der 2021 mit der Unterstützung von Stadt und Land errichtete Schutzzaun um das Anwesen zeugt von der gestiegenen Bedrohung.

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