Lörrach "Fürsorge für Erziehung und Bildung der Jugend"

Jörg Bertsch
Hubert Bernnat Foto: Jörg Bertsch

Von Jörg Bertsch

Lörrach. „Von der Amts- zur Industriestadt“ – einen großen Bogen schlagend zeichnete der Historiker Hubert Bernnat die Entwicklung nach, die in Lörrach zu Beginn der 1870er Jahre den Bau eines für damalige Zeiten hochmodernen Volksschulgebäudes nötig machte.

Bis ins 17. Jahrhundert war Lörrach ein unbedeutender Marktflecken. Erst als die Markgrafen, nach der Zerstörung der Röttler Burg, ihren Verwaltungssitz nach Lörrach verlegten und der Gemeinde 1682 das Stadtrecht verliehen, erfuhr der Ort eine gewisse Belebung. Aber Lörrach war klein und blieb es lange Zeit: Um 1810 zählte die heutige Kernstadt 1750 Seelen.

Seit 1757 galt in der Markgrafschaft Baden-Durlach die Schulpflicht. Ein Zeitzeuge schilderte, wie diese anno 1820 an der „Teutschen Schul“ in Lörrach aussah: Das Gebäude auf dem heutigen Burghofareal hatte „nur eine einzige große Schulstube. Ein großer Kachelofen heizte, Buben und Mädchen saßen im gleichen Zimmer.“ 1842 kam ein neues Klassenzimmer in einem Hinterhaus in der Turmstrasse für die Mädchen dazu. Extra-Schulen gab es für Fabrikkinder sowie für jüdische und katholische Kinder.

Mit dem Beitritt Badens zum preußisch-deutschen Zollverein nahm die Industrialisierung Fahrt auf. Basler und südelsässisches Kapital floss ins Wiesental, wo es Wasserkraft und billige Arbeitskräfte gab. Textilbetriebe schossen aus dem Boden. Eine massive Zuwanderung aus dem Schwarzwald war die Folge.

Um 1850 hatte sich die Bevölkerung der Lörracher Kernstadt auf 3100 fast verdoppelt gegenüber dem Wert von 1810. Der Trend wurde verstärkt durch die Eröffnung der Wiesentalbahn anno 1862. 1905 zählte die Kernstadt 11500 Einwohner.

Ein neues Schulgebäude musste her. Am nördlichen Rand des damaligen Stadtgebiets waren schon 1865/67 das Amtsgerichtsgebäude und das Gefängnis errichtet worden. Zwischen diesem Areal und dem Friedhof – dem heutigen Hebelpark – war Platz. Dort kam die neue Lehranstalt hin, die nun eine überkonfessionelle Schule für Mädchen und Jungen war. Sie hieß zuerst einfach „Volksschule“ und wurde erst später nach Johann Peter Hebel benannt.

Der für damalige Verhältnisse enorm grosszügige Bau, so der Chronist Arnold Pfister, werde, „solange er steht, zeugen, in welch’ schöner Weise die Stadt Lörrach ihrer Aufgabe der Fürsorge für die Erziehung und Bildung der Jugend eingedenk ist.“

Kenntnis- und detailreich führte Hubert Bernnat sein Publikum durch dieses interessante Kapitel der Lörracher Stadtgeschichte, nicht ohne mit einer Pointe zu schließen: „Das war vermutlich die einzige Schule, die jemals zwischen einem Gefängnis und einem Friedhof erbaut wurde. Was das an Assoziationen auslösen kann…!“

Ausstellungsinfo

Vor 150 Jahren wurde die Hebelschule Lörrach eröffnet. Der dreistöckige Bau mit damals 14 Schulsälen für knapp 800 Kinder war die erste moderne und lange Zeit die einzige Volksschule der Stadt. Das Dreiländermuseum widmet dem Thema eine Sonderausstellung, die noch bis zum 11. September 2022 läuft. Texttafeln von Hubert Bernnat erzählen von der Entwicklung des Lörracher Schulwesens bis zur Eröffnung der Hebelschule im Oktober 1872. Schule. Alte Fotos und historische Objekte vermitteln Eindrücke vom damaligen Schulleben.

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