Von Dorothea Gebauer

Lörrach. Das war eigentlich der Plan: Manfred soll den elterlichen Hof bekommen und Minna, die Frau die er liebt und die ihn ins Herz geschlossen hat, wird mit ihm dort eine Zukunft aufbauen. Doch es kommt anders. Während Manfred verreist ist, beschließt der Vater, den Hof dessen Bruder Sebastian zu geben. Minna, die dem Bruder zwar freundschaftlich verbunden war, aber Manfred liebt, verlässt ihn wegen Sebastian, der nun reicher Hofbauer geworden ist. Eine furchtbare Tragödie. Auch wenn der Plot scheinbar für eine Soap taugen würde, bot die Lesung von Urs Faes am Sonntagabend im Rahmen der „Literarischen Begegnungen“ im Dreiländermuseum viel mehr: Erzählkunst, Charaktere mit Tiefenschärfe und dabei viel Zurückhaltung.

Faes erzählt die Geschichte vom Ende her. Von dort, als Manfred nach 40 Jahren ins Dorf im Schwarzwald zurückkehrt. Er lässt den Protagonisten entlang seiner Wanderung Erinnerungen sammeln, entfaltet rückblickend Stationen der ihm zugefügten Wunden und Glücksmomente bis zu dem Tag, an dem sich alles veränderte. Bedeutungsschwer liegen die Themen von Schuld und Versöhnung, von Groll und Bitterkeit und vom missglücktem Lebensentwurf in der Luft. Da scheint zu passen, dass im Seitental Nebelschwaden drücken und es immerzu schneit.

Was dabei so faszinierend ist, ist der Umstand, dass Innen- und Außenwelt kaum zu trennen sind, sondern mit einander verschmelzen. Doch da ist auch diese großer Präzision und Detailliebe, mit der die Landschaft beschrieben und Geschehnisse so verortet werden, dass das Erlebte große Glaubwürdigkeit erfährt. Der Protagonist läuft langsam durch sein Kindheitstal, durch einsames Land, in dem zu Raunächten „die Geister überall sind“. Er sucht Antwort auf die Frage, ob er jemals ins Land heimfindet. Ob er sich mit einem Bruder versöhnen können wird. Schnee und Sehnsucht scheinen Leitmotive. Die Leitfrage: Wo gehöre ich hin? belegt, wie banale Wirklichkeit zum Träger existenzieller Not wird.

Was meisterlich daherkommt, ist die Wiedergabe von Stimmungen, Geräuschen, Gerüchen. In dieser von Faes dargestellten Welt ist ein Summen, da duftet es nach Thymian, da riecht der Schnee, da leuchten die Lärchen. Die Grundstimmung ist melancholisch, bedrückt durch die innere Auseinandersetzung. Der Umgang mit Sprache ist dabei immer ein ordnender. Nirgends verliert sich der Zuhörer. Die Realität der sichtbaren Welt, der im Kopf und der in den gewählten Wörtern ist klar und dennoch sinnlich.

Das Kinzigtal und Baden seien ihm ans Herz gewachsen, so Faes. Er ist dort gewandert, hat alemannische Gedichte und Hebel gelesen. Und er ist auf diese Geschichte gestoßen mit allem, was sich darum rankte. Die Raunächte etwa und dem, was sich an Geistergeschichten, an Sagen und Mythen daraus entwickelte. Die Raunächte, das ist die Zeit zwischen Weihnachten, Neujahr und Dreikönig. Da, so die Sage, wo Unordnung herrscht, wo die Männer hinausgehen und Bäume schütteln müssen. Da, wo Frauen sich in Gold verwandeln, „wenn die Männer brav“ sind.

Die Raunächte haben ihren Narrativ in den Bundesländern unterschiedlichst entwickelt. Während in Thüringen die ganze Nacht gesponnen wird, werden in Norddeutschland die Sterne angeschaut. Die Badener, so der Schweizer Faes amüsiert, zechen die ganze Nacht durch, um dann mit dem „Kotzmorgen“ abzuschließen.   Urs Faes: „Raunächte“ erschienen bei Insel Verlag, mit Illustrationen von Nanne Meyer