Lörrach Chronischer Platzmangel für Schutzsuchende

Den heutigen Internationalen Frauentag nutzt das Leitungsteam des Autonomen Frauenhauses Lörrach, um auf einen seit Jahren bestehenden Missstand hinzuweisen, den es nicht weiter hinnehmen will: den chronischen Mangel an Frauenhausplätzen bundesweit und auch vor Ort in Lörrach.

Lörrach. Mit dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, der sogenannten „Istanbul-Konvention“, hat sich Deutschland laut der Mitteilung 2018 verpflichtet, alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen sowie Betroffenen Schutz und Unterstützung zu bieten.

Die Konvention biete zudem Berechnungsgrundlagen die vorgeben, wie viele Frauenhausplätze die Landkreise vorweisen müssen, um eine zwingend vorhandene flächendeckende Gewaltschutzinfrastruktur zu erreichen. Zur Umsetzung wurde das Bundesinvestitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt gegen Frauen“ geschaffen, um den Ausbau von Schutzplätzen zu fördern.

Konkret eröffnet es Trägervereinen die Möglichkeit, per Antrag den Erwerb und Umbau einer Immobilie komplett über Bundes- und Landesgelder, und somit auch kostenneutral für den Landkreis, zu finanzieren.

Landkreis genehmigt nur zwei weitere Plätze

Basierend darauf stellte der Verein Frauen helfen Frauen, als Träger des Frauenhauses Lörrach 2020 den Antrag an den Kreistag, den Ausbau mit einhergehender Übernahme der Betreuungskosten zu befürworten. Ziel war es, ein konkretes Immobilienangebot zu nutzen und damit zügig eine Vergrößerung zu ermöglichen. Der Landkreis entschloss sich laut der Mitteilung aber lediglich zu einer Zusage für zwei weitere Plätze im bestehenden Haus (wir berichteten).

Besonders bitter für das Leitungsteam sei „die Tatsache, dass der erste Schritt im Ausbau der chronisch überlasteten Gewaltschutzinfrastruktur vom Kreistag aufgrund von Sparmaßnahmen bedingt durch die Pandemie abgelehnt wurde“. Denn, so Carolin Throm, gerade diese Krise zeige: „In ihren Auswirkungen betrifft sie das Leben der Menschen nicht gleich, die Pandemie hat die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern gravierend verschärft.“

Frauen seien auf vielen Ebenen besonders betroffen: „Sie arbeiten in systemrelevanten und zugleich unterbezahlten Berufen und sind damit auch einem erheblichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Freistellung, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit konfrontieren sie mit Einkommenseinbußen, sie leisten im Schnitt dreimal so viel unbezahlte Sorgearbeit wie Männer, übernehmen also den überwiegenden Teil der Haus- und Familienarbeit und reduzieren dafür ihre Arbeitszeit.“

Die Statistik des Bundeskriminalamtes belege zudem: An fast jedem dritten Tag werde in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Alle 45 Minuten werde eine Frau Opfer von vollendeter oder versuchter gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt.

Die Annahme, häusliche Gewalt verstärke sich unter Pandemiebedingungen, werde nun zudem durch erste Untersuchungen bestätigt. So spricht der Weiße Ring von einer Zunahme um zehn Prozent bei den Hilfesuchenden nach häuslicher Gewalt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Eine Studie der TU München kommt zum Ergebnis, dass rund drei Prozent aller Frauen in Deutschland in der Zeit der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 zu Hause Opfer körperlicher Gewalt wurden.

Dem gegenüber stehe ein seit Jahren komplett überlastetes Hilfesystem: Frauenhäuser seien schon vor Corona von steter Überbelegung und Vollauslastung gezeichnet gewesen. „Wir bekommen nahezu täglich Anfragen nach Aufnahme“, verdeutlicht Annette Perschke, die seit vielen Jahren im Lörracher Frauenhaus arbeitet.

Sie und ihre Mitstreiterinnen vertreten nach wie vor die Ansicht, dass mit zwölf Plätzen – und auch mit den zwei weiteren vom Kreistag genehmigten – der Landkreis immer noch in der Situation der absoluten Unterversorgung stehe. Eine Erweiterung auf 24 Plätze bliebe nicht mal die Hälfte dessen, was vor Ort benötigt würde, verdeutlicht Perschke.

Ausbau dürfe keinesfalls Sparmaßnahmen zum Opfer fallen

Das Team vom Frauenhaus fordert den Ausbau, er dürfe keinesfalls coronabedingten Sparmaßnahmen zum Opfer fallen.

An diesem Ziel arbeiten die Frauen weiter. Sie beabsichtigen erneut einen Antrag über das Investitionsprogramm auf Kauf und Umbau einer Immobilie zu stellen, um für 2022 eine Finanzierung gewährt zu bekommen. Da die Antragstellung an eine Frist gebunden ist, und es hierfür wieder die befürwortende Stellungnahme des Kreistages benötigt, werden aktuell Gespräche mit dem Kostenträger und den Fraktionen geführt.

Antje Lauber: „Wir kämpfen weiter. Gerade am Weltfrauentag ist es uns einmal mehr wichtiger denn je zu verdeutlichen: Gewalt gegen Frauen geht uns alle an. Gewalt gegen Frauen verursacht Kosten. Beim Hilfeangebot zu sparen, ist der falsche Weg.“

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