Lörrach „Das Leben isch mehr wie Leben“

Tonio Paßlick
Mathias Richling blickt auch auf tagesaktuelle Ereignisse.          Foto: Tonio Paßlick

Von Tonio Paßlick

Lörrach. „Wahlzeiten sind Lieblingszeiten für Satiriker“, sagte Mathias Richling kürzlich in einem Rundfunk-Interview. Man durfte also bei seinem Auftritt im Burghof am Freitag gespannt sein, wie aktuell sein Programm eingefärbt sein würde nach der Regierungsbildung vom Mittwoch. Und was dem bekennenden Kritiker der Corona-Politik zum Umschwenken der Regierungsvertreter in Sachen Impfpflicht einfallen würde.

Man wird nicht enttäuscht. In seinem Programm „Mathias Richling #2021“ blickt er auch auf die tagesaktuellen Ereignisse als Krönung eines turbulenten Jahres zurück. Da kriegt schon mal Olaf Scholz sein Fett weg, als „Secondhand-Merkel“ oder „sozialdemokratische Ausschussware“, Armin Laschet sei der „Lachsack für Trauerfeiern“ gewesen, Annalena Baerbock eine reine „Spielfigur“ – und Lauterbach habe jede Talkshow „hausbesetzt“. Zwei Jahre in „Corona-Geiselhaft“ hätten die B- und C-Promis in die Medien gespült. „Je weniger sie mitbringen, desto bekannter werden sie“. So seien wir am Ende auf uns allein gestellt. „Damit kann ein Mensch nicht leben, verstehste….?“

„Davon geht die Welt nicht unter“

Fast schon resignativ zitiert Richling Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter“, belächelt mit leichter Nostalgie in der Stimme die wahnwitzigen Ideen der ersten Welle mit dem Horten von Klopapier-Rollen und ereifert sich nach kurzer Atempause unter dem Motto „Das Leben isch mehr wie Leben“ über die Welt, die wir den „Nachfolge-Generationen“ hinterlassen.

Der Schwabe aus Waiblingen ist als einer der besten Parodisten des Landes bekannt. In den für ihn typischen Halbsätzen steigert er sich in ein fulminantes Sprech-Tempo hinein und überspitzt damit zugleich den Satiriker in sich als einen Wort-Akrobaten, der nicht nur mit Pfeffer würzt, sondern vor allem an den Zwischentönen interessiert ist.

„Sprache ist das Unwort des Jahres“ entlarvt er all die politischen Sprach-Jongleure, die mit gezielter Unschärfe ihre eigene Unsicherheit kaschieren. Eitelkeiten zu entblößen, gehörte früher zum guten Ton des Kabaretts. Heute werden Satiriker vom Alltag der sozialen Medien überholt. Leider meist sehr unappetitlich. Deshalb ist niveauvolles Kabarett heute ein sprachlicher Ritt auf dem Rasiermesser zwischen überspitzter Karikatur und populistischer Geschmacklosigkeit. Richling setzt die Pointen mit Bravour. Er arbeitet sich an seinen Lieblings-Profilen zwischen Merkel und Kretschmann ab, macht auch um das Dreieck „Chemnitz, Köthen und Pegida“ keinen Bogen, hält sich aber nicht mit einseitigen klammen Beschuldigungen auf: „Der Deutsche hat für Flüchtlinge keine Begabung.“ Man spürt den erhobenen Finger zwischen den Zeilen, wenn er Andreas Gabalier über Hitler-Vergleiche schwadronieren lässt.

Der Papst in bigotter Büßerhaltung

Faszinierend, wie Richling den Papst in bigotter Büßerhaltung über die Missbrauchs-Skandale stammeln lässt: „Die freie Liebe von 68 war bei uns schon lange angekommen….“ Und wie er einen Mark Zuckerberg stilisiert, dessen Vorstellung von Privatsphäre in der Forderung gipfelt: „Wir verlangen Religionsfreiheit!“ Seine Sätze hallen noch nach, wenn Richling schon längst die nächste Pointe setzt.

In überhitzter Eloquenz lässt er seine Überzeugungen über das ziellose Lavieren zwischen Wissenschaft und dem Flickenteppich politischer Zuständigkeiten in rasanten Wortgefechten zur Corona-Krise deutlich werden, während tiefschwarzer Humor beim fernen Blick auf eine Epoche durchschimmert, in der „einfachschde Dinge entmannifiziert werden“, was Richling „herr- und frauvorragend“ findet.

In der Zugabe wird dann noch mal kräftig über die Sprachschöpfungen im Ländle abgelästert. The Länd wird es gefreut haben.

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