Lörrach Den richtigen Weg zeigen

Anja Bertsch
Waldorf-Schulleiterin Valérie Ralle (links) und Lehrerin Christiane Wehnert. Foto: Anja Bertsch

Lörrach - Am Wochenende lädt die Lörracher Waldorfschule zum Tag der offenen Tür ein. Im Vorfeld hat sich Anja Bertsch mit Geschäftsführerin und Schulleiterin Valérie Ralle und Lehrerin Christiane Wehnert über die Besonderheiten der Waldorfpädagogik und aktuelle Herausforderungen unterhalten.

Skizzieren sie einem Waldorf-Laien doch einmal die Grundzüge der Waldorfpädagogik: Was macht sie besonders?

WEHNERT: Waldorfpädagogik heißt erst einmal: Wir gehen vom Kind aus. Uns geht es nicht darum, dass wir Leute ausbilden, die sich zum Beispiel ín der Wirtschaft gut „einsetzen lassen“, nach der Devise ,MINT-Fächer werden gebraucht, Germanistik ist gerade nicht so wichtig. Statt dessen wollen wir Entwicklungshilfe dabei geben, dass jedes Kind den Weg geht, der für dieses Kind der richtige ist. Da mag bei einem der Ingenieur rauskommen oder der IT-Experte. Beim nächsten ist es ein Schreiner und beim übernächsten ein Schauspieler. RALLE: Es geht darum, den Kindern eine geschützte Schulzeit zu schaffen, in der sie stark werden können – und zwar nicht nur im geistig-intellektuellen Bereich, sondern auch in Sachen seelischer und körperlicher Kräfte. In der sie nicht allein das Einmaleins lernen, physikalische Formeln oder Rechtschreibung, sondern auch Charakterbildung erfahren. In der soziale Kompetenz wachsen kann, und nach der sie selbstbewusst im Leben stehen. Das üben wir an verschiedensten Stellen – beispielsweise durch Praktika und Theaterprojekte, und natürlich durch Fächerkanon und Unterrichtsaufbau.

Gutes Stichwort: In diesem Kanon finde ich Fächer wie ,Plastizieren“′, „Eurythmie“′ oder einen „Hauptunterricht“. Etliche Standardfächer wie Deutsch, Mathe oder Geschichte hingegen nicht...

WEHNERT: Diese Fächer werden in besagtem „Hauptunterricht vermittelt – und zwar in sogenannte Epochen. Das heißt: Wir machen drei, vier Wochen lang nur Deutsch. Dann nur Bio. Und dann nur Geschichte. Und zwar jeden Tag. Auf diese Weise wird der Stoff auf unterschiedlichen Ebenen ganz intensiv verinnerlicht. Inhaltlich lernen die Schüler dabei im Prinzip das Gleiche wie an den staatlichen Schulen. Nur wie sie′es lernen, und wie wir da ins Gespräch kommen, ist anders.

An den staatlichen Schulen steht nach vier Grundschuljahren der Wechsel an die „Weiterführende“ an. In der Waldorfschule wird der Bogen da weiter gespannt...

WEHNERT: Das Besondere ist da das „Klassenlehrerprizip“, nach dem der Klassenlehrer seine Klasse acht Jahre lang begleitet – und sie dabei im Hauptunterricht jeden einzelnen Morgen vor sich hat. Da entsteht natürlich Beziehung. Und Beziehung ist ein weiteres Zauberwort in der Pädagogik – nicht nur bei uns: Jeder Mensch lernt eigentlich nur über Beziehung.

Angesichts dieser Unterschiede stellt sich die Frage, wie an- beziehungsweise „abschlussfähig“ Waldorfschulen gegenüber dem herkömmlichen Schulsystem sind?

RALLE: Wir haben in der 12. Klasse den Realschulabschluss und in der 13. Klasse das Abitur – nach den ganz normalen Regularien wie an den staatlichen Schulen auch. Wer möchte, kann nach Klasse neun oder zehn auch den Hauptschulabschluss machen.

Die Waldorfpädagogik feiert gerade ihren 100. Geburtstag. In wie weit haben sich die Waldorfschulen über die Zeit hinweg gewandelt?

RALLE: In manchen Bereichen haben wir uns sicher angepasst an die heutige Gesellschaft: Wir bieten in Lörrach Ganztagsbetreuung, wir haben eine professionell aufgestellte Verwaltung, und dass die Kinder heute nicht mehr auf der Schiefertafel schreiben, ist auch klar. WEHNERT: In Sachen Pädagogik aber sind wir sehr nahe an unseren Wurzeln geblieben – und erfahren da eine zunehmende Offenheit in der Gesellschaft. An vielen Stellen zeigt sich einfach, dass manches von Anfang an gar nicht so dumm war. Ob Jahresarbeiten, Klassenspiel oder Schulfeiern: Unsere Kinder müssen zum Beispiel bei zahllosen Gelegenheiten selbstbewusst vor andere hinstehen und zeigen: Ich kann da was. Eine Fähigkeit, die heutzutage im Beruf wie im privaten Umfeld wichtiger ist als vieles andere. Ein anderes Beispiel sind die Schulnoten: An der Waldorfschule gab es statt Zensuren schon immer Entwicklungsberichte. Heute gibt es solche Berichte auch an den staatlichen Schulen zumindest in den ersten beiden Klassen.

Gerade das Fehlen von Noten wird allerdings oft zum Vorwurf: Die Leistungen werden nicht recht beurteilt, und ohne diesen Leistungsanreiz lernen die Kinder nicht richtig...

RALLE: Es ist ja nicht so, dass die Kinder dadurch, dass wir keine Noten geben, nicht bewertet oder nicht beachtet werden. Sie werden viel umfassender bewertet. „Deutsch Note 1“ – was sagt das aus? Bei uns bekommen sie über den Entwicklungsbericht ein sehr differenziertes Bild von den einzelnen Facetten der Arbeit und der Entwicklung, die ein Kind zeigt. In der Oberstufe, wenn es in Richtung staatliche Abschlüsse geht, führen wir die Schüler dann an die Noten heran.

Wo sehen sie aktuell Herausforderungen für die Lörracher Waldorfschule ?

RALLE: Wir verzeichnen steigende Schülerzahlen. Das ist erfreulich – führt aber dazu, dass unsere Räume aus allen Nähten platzen. Wir sind daher auf der Suche nach einem Grundstück in der Nähe unseres Standortes, auf dem wir uns erweitern können.

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