Lörrach Der Stadtgestalter

Bundesminister, Oberbürgermeister von Lörrach und Rechtsanwalt: Rainer Offergeld Foto: Kristoff Meller Foto: Die Oberbadische

Rainer Offergeld hat als Lörracher Oberbürgermeister die Entwicklung dieser Stadt geformt wie kaum ein Zweiter. Am 26. Dezember wird er 80 Jahre alt.

Von Bernhard Konrad

Lörrach. Die unter Offergelds Federführung vorgenommenen Weichenstellungen prägen die Stadt auf Generationen hinaus. Indes war ihm sein Werdegang nicht in die Wiege gelegt worden. Geboren wurde er in Genua als Sohn des Niederlassungsleiters eines deutschen Industriebetriebs. Der Vater fiel während des Zweiten Weltkriegs in Afrika, die Mutter machte sich noch vor Kriegsende mit den beiden Söhnen auf den Weg zurück nach Waldshut. Ihr Hab und Gut wurde in einem Güterwagen Richtung Heimat transportiert. Mutter und Kinder kamen dort an, der Güterwagen nicht – alles weg. „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, und so haben wir eine ganze Zeit lang auch gelebt“, erzählt Offergeld im Gespräch mit unserer Zeitung.

Als Schüler bekam er die Chance, ein Aufbaugymnasium in Meersburg zu besuchen, dort legte Offergeld das Abitur ab. In Freiburg und Frankfurt am Main studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften, dann „das etwas handfestere Jura“. Nach dem zweiten Staatsexamen arbeitete er zunächst als Notar und in der Steuerverwaltung, bevor er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt aufnahm. 1967 heiratete er – drei Töchter gingen aus der Ehe mit seiner Frau Christel hervor.

Parallel entwickelte sich eine eindrucksvolle politische Laufbahn. Seit 1969 saß der Jurist als SPD-Abgeordneter des Wahlkreises Waldshut im Bundestag. Zwischenzeitlich war er auf Empfehlung von Willy Brandt unter anderem Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen, bevor er von Bundeskanzler Helmut Schmidt in ein Ministeramt berufen wurde. Mit dem Altbundeskanzler verband Offergeld als dessen ehemaliger Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1978 – 1982) auch nach dem Ende der sozialliberalen Koalition ein persönliches Verhältnis bis zu dessen Tod. „Schmid galt immer als der coole Macher. In Wahrheit war er ein warmherziger Mensch“, erzählt Offergeld.

Bundestagsmandat für den Wechsel nach Lörrach niedergelegt

Obwohl er bei der Bundestagswahl 1983 wiedergewählt wurde, legte er sein Abgeordnetenmandat nieder, um die Stelle als Oberbürgermeister in Lörrach anzutreten. Er hatte sich im Wahlkampf gegen den späteren Landrat Alois Rübsamen durchgesetzt.

Im Rathaus erwartete den neuen OB ein Haushalt, der vom Regierungspräsidium nicht genehmigt worden war. Das hieß sogleich: sparen. Keine besonders populäre Einstiegsmaßnahme, aber sie gelang. „Kommunalpolitik ist vielfältig und interessant. Sie begleitet Bürger von der Wiege bis zur Bahre“, sagt Offergeld. Der Facettenreichtum von Kommunalpolitik spiegelt sich in seinem Wirken wider: Die Ausweisung neuer Baugebiete wie etwa die Erweiterung des Salzert oder das Projekt für sozialen Wohnungsbau auf dem ehemaligen Stadiongelände an der Haagener Straße, die Planung von Stetten Süd: Vorhaben mit viel Vorlauf, hohen Investitionen und mitunter sehr kontrovers geführten Debatten – schon damals war Wohnungsknappheit ein Thema in der Stadt.

Unter Offergelds Regie wurden auch Kindergärten, darunter die überbetriebliche Kindertagesstätte in Tumringen gebaut. Die Stadt übernahm das Grüttpark-Stadion und wertete es samt Umfeld auf. Das Städtische Klinikum wurde an den Landkreis abgegeben, und das ehemalige „Kaufhaus für alle“ zur Stadtbibliothek umgebaut. Übrigens: Schon damals vertrat er die Auffassung, dass die Zentralisierung der Kreiskliniken sinnvoll sei und früher oder später kommen werde.

Dann die Innenstadt: ein großer Wurf. Etliche Geschäftsleute hätten die Befürchtung gehabt, ein autofreies Stadtzentrum führe zu ihrem finanziellen Ruin, erzählt Offergeld. Der Abschied vom Auto wurde mit Rettungsring praktiziert: als Probelauf. Indes war dieser schon nach einem Vierteljahr allgemein akzeptiert.

Weitere Schritte wurden in Angriff genommen: die Gestaltung des Alten Marktes, die Sanierung des Rumpels, wo heute das Gebäude des Verlagshauses Jaumann steht, und die Überbauung des Senser Platzes. All diese Weichen wurden in Offergelds Amtsperiode gestellt.

So auch der Burghof: Es war klar, dass die alte Stadthalle als Gebäude keine Zukunft hat. Doch wie soll das Konzept des neuen Hauses, der neuen Stadthalle, aussehen? Wo soll sie stehen? Sollen Vereine selbst wirten können? In zwei Befragungen sprachen sich die Bürger gegen die Pläne der Stadt aus – indes wurde das Quorum nicht erreicht. Der Gemeinderat stellte sich hinter Offergeld und schaffte trotz aller – auch nachvollziehbarer – Kontroversen um das Haus der Kultur damit die Voraussetzung für einen weiteren Schritt zur Urbanisierung der Stadt.

Angesichts seiner erfolgreichen Arbeit waren viele überrascht, als sich Offergeld 1994 entschloss, nochmals neue berufliche Herausforderungen zu suchen und als OB zurückzutreten. Ihm sei bewusst, sagt er, dass ihm dieser Schritt von manchen übel genommen wurde.

Nach einer rund zweijährigen Tätigkeit als Geschäftsführer der damaligen Badenwerk-Tochter „Thermoselect“ wechselte er 1997 als Partner in die Lörracher Anwaltskanzlei von Josef Seidler, die fortan den Namen „Seidler – Schautz – Dinkat – Offergeld“ trug. Ein Wechsel, der für Aufsehen sorgte: Seidler war zuvor Bürgermeister unter Offergeld gewesen, aber auf eigenen Wunsch vorzeitig ausgeschieden.

Josef Seidler eröffnete später erfolgreich eine neue Kanzlei in Weil am Rhein, Offergeld ist heute nach wie vor Partner der Kanzlei Gromer, Simon & Kollegen. Als Fachanwalt für Steuerrecht nimmt er nur noch vereinzelt Mandate an. Gleichwohl besucht er nach wie vor wissenschaftliche Seminare und tauscht sich gelegentlich mit seiner Tochter Sybill – sie arbeitet als Anwältin in Berlin - über Fachfragen aus. Damit’s nicht gar zu theoretisch wird, genießt Offergeld ebenso die Gartenarbeit, Buchlektüre und Wanderungen.

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