Lörrach Die Distel sticht ins Schwarze

Markus Greiß
Die Vor-Ort-Reporterin Caroline Lux im Gespräch mit Olaf Scholz (Timo Doleys, Mitte) und des Bundeskanzlers Stirnlappen (Rüdiger Rudolph). Foto: Markus Greiß

Kabarett zu Kriegszeiten – geht das? Bei seinem Burghof-Auftritt am Mittwochabend hält das Berliner Ensemble Distel nicht hinter dem Berg damit, wie schwer ihm die Programmgestaltung wegen des Ukraine-Kriegs gefallen ist.

Von Markus Greiß

Lörrach. „Thementechnisch fahren wir total ohne Navi“, gesteht Ensemblemitglied Rüdiger Rudolph. Denn „was kann man kabarettistisch sagen zum Angriffskrieg – er ist einfach falsch!“, so Bühnenpartnerin Caroline Lux. Drum umschiffen die beiden mit dem Dritten im Bunde, Timo Doleys, diese Klippe. Sie spielen und singen sich während ihres gut zweistündigen Programms durch ein gefühltes Dutzend anderer Themen, die teils mit dem Krieg verbunden sind.

Zuerst kommt Corona, obwohl „wir schon drei Krisen weiter sind“, gefolgt von den Gaspreisen, „die so explodiert sind, dass das sogar die Pipelines zerrissen hat“. Drum erklingt jetzt „Ich brauch Gas, ich brauch Gas“ nach den Klängen des NDW-Hits „Ich will Spaß“ von Popsänger Markus. Die Musiker Falk Breitkreuz und Tilman Ritter zeigen nicht nur bei diesem Stück an Flügel, Schlagzeug, Keyboard, Ukulele, Klarinette und Saxofon, wie vielseitig sie sind.

Dass Olaf Scholz nach außen hin noch immer wie eine „lauwarme Thermoskanne Valium“ wirkt, innerlich aber total unter Strom steht, erfährt die wuselige Reporterin Lux im Exklusivinterview mit dem Kanzler (Doleys) und seinem Stirnlappen (Rudolph). Witzig ist auch der Schlagabtausch zwischen dem Optimisten Rudolph, der ein positives Gemeinschaftsgefühl in der Coronakrise ausgemacht hat, und Zyniker Doleys, der ihm gnadenlos einschenkt: „Soziale Abwärtsvergleiche sind das Benzin in unserem Tank!“

Von der politisch korrekten Sprache („Würde Karl May gendern?“) geht es über die Wüsten-WM in Katar und die Plastikvermüllung der Meere („Inseln so schön, aus Polypropylen“) direkt zur Pressekonferenz in Berlin-Mitte. Die lässt mangelnde Konsequenz der Berliner „Freund und Helferei“ gegen Rechtsextremismus erkennen. Und so müssen sich der Berliner-Schnauze-Polizist Rudolph und sein einseitig beißwütiger Hund Hasso erst noch mit ihrem neuen linksalternativen Kooperationspartner Doleys zusammenraufen. Bei den „zwei besorgten Sängerinnen“ Erika und Margot (Doleys und Harter), die ein nationales Potpourri – „Ein Kessel Braunes“ mit Schlagern wie „Hetzilein“ oder „Alice im Weidelland“ – zum Besten geben, hätte Hasso jedenfalls nicht gebissen...

Verstärkung bekommt das Trio im Verlauf des Programms von Edgar Harter, der seit über 40 Jahren bei der Distel auf der Bühne steht. Es ist großartig, wie er den Moses gibt, der von der Frontex-Beamtin an der EU-Außengrenze abgewiesen wird („Dann gehe ich halt zurück nach Ägypten“) – oder Angela Merkels Mann in der Badewannen-Szene mit „Herrn Prof. Sauer und Frau Dr. Merkel“.

Die „Merkel-Diktatur“ ist den Wutbürgern ja mittlerweile abhanden gekommen. Drum stellt das Kabarett in einem furiosen Finale nun attraktive Autokraten zur Erbauung vor: die „Sultanine aus dem Präsidentenpalast“, den „Pyroman do Brasil“, den ungarischen „Westentaschenimperator“ oder den nordkoreanischen Diktator, der zum „Pjöngjangmenstyle“ rappt. Und auch der „Troll aus dem Kreml“ kriegt noch sein Fett ab.

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