Lörrach Die Schwächsten trifft es am härtesten

Von Kristoff Meller
Lörrach. Die angespannte Situation auf dem Lörracher Wohnungsmarkt trifft die Schwächsten besonder hart: Das  Erich-Reisch-Haus und andere Einrichtungen sind überlastet, weil ehemals Obdachlose keinen bezahlbaren Wohnraum finden und temporäre Plätze blockieren. Zudem droht immer mehr Menschen  der Wohnungsverlust, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können.

„Das Thema Obdachlosenunterbringung brennt uns momentan mehr unter den Nägeln als die Flüchtlinge. Es gibt kein ‘Weiter so’, wir müssen dringend handeln“, machte Bürgermeister Michael Wilke kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung den Ernst der Lage deutlich. „Die Situation ist besorgniserregend“, bestätigt Stefan Heinz, Leiter der AGJ-Wohnungslosenhilfe im Kreis Lörrach und des Erich-Reisch-Hauses (siehe Kurzinfo am Ende). Er hatte bereits im April im Ausschuss für Umwelt und Technik vor steigenden Obdachlosenzahlen gewarnt. Selbst wenn sie Arbeit haben, seien vor allem Geringverdiener angesichts steigender Mieten vor der zwangsweisen Räumung ihrer Wohnung nicht gefeit. „Das ist ein Verdrängungsprozess“, beschreibt Heinz die Situation auf dem Wohnungsmarkt. 

Doch nicht nur der Verlust, auch die Suche beim Übergang zurück in eine Normalwohnung  sei „ungemein frustrierend“, sagt Heinz. Oftmals würden ehemals Wohnungslose von vorne herein von Vermietern abgelehnt, oder die Miete sei einfach zu hoch. Fast alle leben von Sozialhilfe oder Hartz-IV, doch  bei den derzeitigen Mietpreisobergrenzen – beispielsweise 372,60  Euro für zwei Personen und 60 Quadratmeter in Lörrach –  finde man in der Stadt keine  bezahlbare Wohnung. 

„Der soziale Wohnungsbau ist eingeschlafen – es gibt einen richtigen Hype um Immobilien“, beklagt Heinz. Ohne eine bessere staatliche Förderung sieht er auch keine Chance auf Besserung für „besondere Bedarfsgruppen“. Dennoch durchsuchen seine Mitarbeiter gemeinsam  mit den Bewohnern „proaktiv“ Immobilienportale und Zeitungsanzeigen. „Natürlich will jeder in Lörrach wohnen, aber wir suchen im gesamten Landkreis und darüber hinaus", berichtet Heinz. Doch wenn sich ehemals Obdachlose keine Wohnung im urbanen Umfeld  leisten könnten und in den ländlichen Raum verdrängt würden, führe das zu „sozialer Isolation“ und ohne Auto und gute ÖPNV-Anbindung bestünden kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz. „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, sagt Heinz.

Im schlimmsten Fall  landen sie  wieder in der Notschlafstelle im Erich-Reisch-Haus. Die vor zehn Jahren als „Erfrierungsschutz“ eingerichtete  Übernachtungsmöglichkeit im Speisesaal wurde aus Bedarfsgründen zur ganzjährigen Notschlafstelle umfunktioniert. Im Jahr 2006 waren es noch 120 Übernachtungen, 2013 schon 1020 und  2014 zuletzt 1298 im Jahr.

Man lasse aber „niemanden vor der Tür stehen“, verspricht Heinz. Gerade in den Wintermonaten seien jedoch regelmäßig acht bis zehn Personen untergebracht worden, obwohl das „Provisorium“ nur für fünf bis sechs Menschen ausgelegt sei. Um die Situation zu verbessern, sei man bereits in Gesprächen mit Stadt und Landkreis. Zumal auch über die Errichtung einer zusätzlichen kommunalen Obdachloseneinrichtung nachgedacht werden müsse, so Heinz.

Studenten, Flüchtlinge und Ex-Wohnungslose unter einem Dach

Ein großer Erfolg sei hingegen das „inklusive Wohnprojekt Riessgässchen“, das mit der Stadt Lörrach im Jahr 2013 lanciert wurde. Ein leer stehendens Haus, das bei der Überplanung des Areals abgerissen wird, wurde hergerichtet und beherbergt nun drei WG’s mit ganz unterschiedlichen Bewohnern, die auf günstige Mieten angewiesen sind: Im Erdgeschoss leben drei syrische Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung, im ersten Stock drei Studenten und im zweiten Obergeschoss drei ehemals Wohnungslose, die vom AGJ betreut werden. „Diese Zwischennutzung ist  wohl einzigartig in dieser Konstellation“, sagt Heinz. 

Die drei ursprünglichen Bewohner im zweiten Stock  haben inzwischen alle eine eigene Wohnung gefunden und Platz gemacht für drei Nachfolger. Laut Heinz laufen derzeit bereits die Planungen, das Modell in einem anderen Objekt mit jeweils drei Frauen auszuprobieren.

Der Erfolg zeige: „Es braucht nicht ‘die’ Lösung sondern viele Lösungen“, sagt Heinz. Er macht sich dafür stark, das Thema  „offensiv im Gemeinderat zu platzieren“, um die nötige finanzielle Unterstützung zu erhalten.  Vor allem im Bereich Prävention müsse auf jeden Fall „mehr investiert werden, damit es erst gar nicht zum Wohnungsverlust kommt“.


Kurzinfo:
Das Erich-Reisch-Haus unter dem Dach des AGJ – Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg – wurde 1984 als stationäres Wohnangebot nach der Übernahme der Kreisübernachtungsstelle eröffnet. Derzeit werden 15 hauptamtliche und zehn ehrenamtliche Mitarbeiter sowie eine Studentin  beschäftigt. Außerdem  gibt es eine allgemeinmedizinische Arztpraxis.

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