Lörrach. Es ist eine Leidenschaft, die sich durch Pascal Härings ganzes Leben zieht: Das Zirkusfieber hat den 39-jährigen Schweizer aus Sissach schon gepackt, als er mit dem Kindergarten eine Zirkusvorstellung besuchte. Vor allem der Zirkusdirektor imponierte dem kleinen Pascal mächtig: Es ihm nachzutun war sein erster Berufswunsch.

Sportlich war er schon immer. Neben Skifahren, Tanz und Tischtennis trainierte er Jonglage, Minitrampolin und Feuertricks im Jugendzirkus Prattelino. Seiner mathematischen Begabung folgend, entschied er sich aber nach dem Schulabschluss für ein Physikstudium an der Uni Basel mit dem Ziel, sich einmal in Meteorologie oder Umweltphysik zu spezialisieren.

Doch nach ersten Berufsjahren in einem aufstrebenden Elektronikunternehmen, wo er mehrere Jahre im Management tätig war, nahm Härings Leben eine überraschende Wendung. Ein zweiwöchiger Workshop an der Zirkusschule Budapest in den Sommerferien hatte seine Zirkusleidenschaft wieder aufflammen lassen und in dem beruflich erfolgreichen jungen Mann den Wunsch geweckt nach mehr: „Das wär’s. Mal sehen, was ich noch erreichen kann.“ Und weil die Anmeldefristen für Zirkusschulen auf der Nordhalbkugel gerade abgelaufen waren, bewarb er sich kurzerhand bei CircoArts in Christchurch/Neuseeland – und wurde prompt aufgenommen.

Das schönste Jahr: An der Zirkusschule traf er außergewöhnliche Menschen mit den verschiedensten Hintergründen – Quereinsteiger die einen, andere aus alteingesessenen Zirkusfamilien. Sie alle vereinte ein gemeinsames Ziel: eines Tages selbst in der Manege zu stehen. Pascal Häring liebt es bis heute, das unbeschreibliche Gefühl vor dem Auftritt, vom Dunkeln hinaus ins Scheinwerferlicht zu treten, und die Reaktionen des Publikums: Lachen, Staunen, Freude.

In Neuseeland schloss Häring Bekanntschaft mit einem der jüngsten Geräte im Zirkussport: dem Roue Cyr, auf deutsch auch Cyr-Rad genannt. Das wuchtige Rad, größer als er selbst, zog den Zirkusschüler sofort in seinen Bann. Heute muss er lachen, wenn er sich an den schwierigen Anfang erinnert: „Das war das schlechteste und unbrauchbarste Rad, das ich je gesehen habe“, sagt er im Nachhinein: zu dick, zu leicht und ohne rutschfesten Belag.

Hinzu kam die Tatsache, dass beim Cyr-Rad der Einstieg besonders schwer ist. Es erfordert viel Training und Selbstdisziplin, das Schwindelgefühl zu überwinden und mit dem Rad irgendwann so vertraut zu werden wie mit einem Tanzpartner. Durch Crowdfunding finanzierte Häring sein erstes eigenes Rad, ein entscheidender Moment in seiner Zirkuskarriere.

Seine Ausbildung setzte er nach einem Jahr am National Institute of Circus Arts in Melbourne/Australien fort. Zusammen mit den anderen künftigen Artisten aus Christchurch fand er dort Zuflucht, nachdem die Schule in Cristchurch wegen des schweren Erdbebens den Betrieb eingestellt hatte. Hier schloss Häring seine Ausbildung erfolgreich ab: mit dem Cyr-Rad, Jonglage und als „Untermann“ in einem humoristischen Akrobatik-Duo.

Der Weg zu eigenen Engagements war damit frei. Sie führten ihn unter anderem nach Australien, Neuseeland, die Schweiz, Deutschland und 2014/15 auf Großbritannien-Tournee mit dem Musical Barnum.

Doch so sehr er das freie und ungebundene Zirkusleben liebt: nach Jahren des Vagabundierens wuchs der Wunsch nach einem festen Wohnort. Den hat Pascal Häring, wenn er nicht gerade wie jetzt während seines Gastspiels bei den Eltern in Sissach wohnt, in der englischen Zirkusmetropole Bristol gefunden. Dort hat er eigens auf Zirkus ausgerichtete Trainingsmöglichkeiten. Fast vier Wochen lang wirbelt er nun für den Lörracher Weihnachtscircus durch die Manege.

Eine Rückkehr in seinen alten Beruf kann sich Pascal Häring kaum vorstellen. Eher schon, eine eigene Zirkuscompagnie auf die Beine zu stellen und zu managen.

Und wer weiß, vielleicht wird er so doch noch wahr, der Traum vom Zirkusdirektor.