Lörrach Ein Stettener als Stadtoberhaupt

Hubert Bernnat

Die Lörracher Karriere von Egon Hugenschmidt begann kurz vor Weihnachten 1959, als er unter 35 Kandidaten im zweiten Wahlgang vom Gemeinderat mit den sechs Stimmen von CDU und den zweien von den Freien Wählern zum neuen Bürgermeister und damit Stellvertreter von OB Arend Braye gewählt wurde.

Von Hubert Bernnat

Lörrach. Gegen ihn hatten die sechs Stadträte der SPD votiert.

Der in Stetten in einer alten katholischen Familie aufgewachsene Hugenschmidt, Jahrgang 1925, hatte 1943 ein Notabitur am Hebel-Gymnasium gemacht. Nach Wehrdienst und Gefangenschaft studierte er Jura in Basel. Nach dem zweiten Staatsexamen 1953 begann Hugenschmidt als Anwalt in Lörrach, wechselte aber bald zum Landratsamt Emmendingen. 1956 wurde er Verwaltungsrichter in Freiburg.

Hugenschmidt schien, als er seine Arbeit im Februar 1960 im Lörracher Rathaus mit 35 Jahren aufnahm, Kontinuität in das Amt des Bürgermeisters zu bringen. Denn nachdem der erst 55-jährige Sozialdemokrat Karl Arzet 1958 von der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat keine Chance auf eine Wiederwahl erhalten hatte, hatte es zwei Wahlen gegeben, nach denen zuerst Dr. Helmut Debatin sein Amt gar nicht antrat und danach Dr. Helmut Walter nach einigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Hugenschmidts Wahl war also der dritte Anlauf. Aus der Gemeinderatswahl 1959 war zwar die CDU mit fast vier Prozent Vorsprung vor der SPD als Sieger hervorgegangen, doch Karl Arzet konnte als Stimmenkönig mit 4498 Stimmen einen persönlichen Erfolg feiern. Bedenklich war, dass der ehemalige NSDAP-Bürgermeister Reinhard Boos, der für die Freien Wähler kandidierte, mit 3253 Stimmen das zweitbeste Ergebnis erzielen konnte.

Harter Oberbürgermeister-Wahlkampf 1960

Doch durch den plötzlichen Tod von Arend Braye im August 1960 war eine völlig neue Situation eingetreten. Für die notwendige Neuwahl am 13. November 1960 entschied sich Egon Hugenschmidt trotz seiner jungen Jahre, sich aus der Position des Bürgermeisters für das Amt des Oberbürgermeisters zu bewerben. Ihn unterstützten CDU, Freie Wähler, FDP und Teile der Vertriebenenverbände, die sich zu einer überparteilichen „Lörracher Wahlgemeinschaft“ zusammengeschlossen hatten. Hugenschmidt selbst blieb bewusst parteilos. Die SPD stellte ihren 47-jährigen Ortsvereins- und Fraktionsvorsitzenden Michael Christl auf, einen streitbaren Sozialdemokraten und unermüdlichen Leserbriefschreiber. Christl war gelernter Bäcker und 1946 nach Lörrach gekommen. In der Wallbrunnstraße hatte er ein Toto- und Lottogeschäft eröffnet, das auch als „Zentrale“ für viele Parteiaktivitäten diente. Zudem kandidierte der parteilose erste Landesbeamte am Landratsamt Lörrach Dr. Gerhard Waldmann, der von einer Fördergruppe unterstützt wurde.

Der Wahlkampf wurde mit harten Bandagen geführt, wie es in der Presse hieß, „der die Grenze dessen erreicht, was eben noch an persönlichen Anwürfen hingenommen werden konnte, ohne dass sich die Gerichte damit beschäftigen müssen.“ Vor allem die SPD äußerte sich gegenüber Hugenschmidt nicht zimperlich. Die Vorzeichen waren gegenüber dem Anti-Braye-Wahlkampf von 1957 genau umgekehrt. Hugenschmidt selbst schreibt in der Lörracher Stadtgeschichte von 1983: „Der Wahlkampf war hart. Für mich als „Anfänger“ war das besonders spürbar. Das Interesse der Bürgerschaft nahm schnell zu. Meine Wahlveranstaltungen fanden starken Zuspruch.“ Und weiter heißt es: „Das zusammen mit der Wahlgemeinschaft erarbeitete Programm hob stark auf die Person ab (Keine Parteibindung, Verwaltungsfachmann, Lörracher) und versprach keine Wahlgeschenke.“

Das Wahlergebnis war für die SPD und persönlich für Christl desaströs. Bei einer für eine kommunale Wahl hohen Beteiligung von 70,2 Prozent stimmten nur 19 Prozent für Christl, das waren gerade einmal 2611 Stimmen. Dabei hatte die Partei bei der Landtagswahl im Mai 1960 nur wenige Monate zuvor, mit 4257 Stimmen 41,1 Prozent erreicht und war damit klar stärkste Partei in der Stadt. Selbst Dr. Waldmann hatte als dritter Kandidat über 400 Stimmen mehr erhalten. Hugenschmidt war dagegen schon im ersten Wahlgang mit 57 Prozent klarer Sieger. Das bürgerliche Lager hatte somit die Niederlage von 1957 wettgemacht.

Klarer Sieg für Hugenschmidt

Egon Hugenschmidt war das erste katholische Stadtoberhaupt im früher protestantischen Lörrach. Allerdings war der Anteil der Katholiken nun schon durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen auf 37,2 Prozent gestiegen, und die früher engen konfessionellen Grenzen schienen sich aufzulösen. Und die Stettener hatten 52 Jahre nach der Eingemeindung einen der „Ihren“ als Oberbürgermeister.

Christl hatte sich als politischer Nachfolger von Braye darzustellen versucht, konnte diese Rolle aber offensichtlich nicht glaubwürdig verkörpern. Intern wurde bei der SPD danach über die richtige Person und die richtige Strategie gestritten. Damit waren die Karten in der Lörracher Lokalpolitik neu gemischt. Die SPD musste sich daran gewöhnen, in der Rathausspitze nicht mehr vertreten zu sein. Denn auch der nun im März 1961 neu zu wählende Bürgermeister brauchte eine Mehrheit im Gemeinderat – und die war bürgerlich. CDU, Freie Wähler und Hugenschmidt wollten den in Freiburg tätigen Staatsanwalt Dr. Heinz Eyrich von der CDU, den späteren Justizminister von Baden-Württemberg. Da sie zusammen über neun von 15 Stimmen verfügten, schien die Wahl gesichert.

Doch die SPD verhinderte durch einen Vertagungsantrag dessen Wahl. Danach scherten die Freien Wähler aus und präsentierten den bis dahin völlig unbekannten Regierungsbauinspektor Karl Heitzmann, der mit 8:7 Stimmen gewählt wurde. Die SPD tat sich mit den Freien Wählern zusammen, um ohne Chance für einen eigenen Kandidaten den CDU-Kandidaten zu verhindern. Christl hatte ein Jahr nach seiner Niederlage offensichtlich das alte Lagerdenken noch immer nicht aufgegeben. Dass die SPD sich damit mit dem 1959 gewählten Freien-Wähler-Stadtrat Reinhard Boos, dem früheren NSDAP-Bürgermeister, verbündete, war ein unverzeihlicher Fehler.

Erfolgreiche Wiederwahl im Jahr 1968

Nach Ablauf der achtjährigen Amtszeit von Egon Hugenschmidt stellte die SPD für die Wahl im September 1968 keinen eigenen Kandidaten auf. Dabei hatte die Partei bei der letzten Gemeinderatswahl 1965 immerhin 39 Prozent der Stimmen erreicht. So kandidierte nur der zu der Zeit noch parteilose Rechtsanwalt Peter Jensch, der dies als Beitrag zur demokratischen Kultur gerade im unruhigen Jahr 1968 ansah. Jensch erreichte mit 30,5 Prozent einen Achtungserfolg und trat kurz darauf der FDP bei. Hugenschmidt konnte aber durchaus mit Recht behaupten, dass er „ein vom Vertrauen aller im Gemeinderat vertretenen Parteien getragener Bewerber sei.“ Selbst die SPD hatte sich mit Hugenschmidt arrangiert und viele Entscheidungen mitgetragen. Er konnte auf eine erfolgreiche Bilanz verweisen.

Vor allem im Wohnungs- und Schulbau hat Hugenschmidt in seiner ersten Amtszeit viel bewegt. 1963 konnte der Spatenstich gefeiert werden für die Errichtung des neuen Stadtteils Salzert auf dem alten Stettener Allmendfeld. Noch unter Braye hatte der Gemeinderat dazu im Februar 1960 sein Signal gegeben. Eigentlicher „Vater“ des Salzerts war allerdings Karl Arzet, der sich schon in den 50er Jahren dafür eingesetzt hatte. Insgesamt sind in der Zeit von 1961 bis 1970 rund 800 neue Wohngebäude mit 2400 Wohnungen gebaut worden.

Im Schulwesen ist vor allem auf den Neubau der Eichendorffschule und einer Realschule hinzuweisen, der Theodor-Heuss-Realschule, die 1968 an der Schützenstraße eingeweiht werden konnte. Die Mittelschulzüge waren zuvor nur notdürftig an der Hebel- und Fridolinschule untergebracht. Auch die Erweiterungen von Neumatt-, Albert-Schweitzer-Schule und Hans-Thoma-Gymnasium fallen in diese Zeit. Selbst der Abriss der renommierten Wirtschaft „Hirschen“ zugunsten des Neubaus für das Kaufhaus Hertie und die Einstellung der Tram für den Busverkehr hatten Hugenschmidt nicht geschadet. Es war die Zeit, in der in vielen Städten der Autoverkehr und der Abriss Vorrang hatten. Man wollte modern sein und das quer über alle Fraktionen.

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