Lörrach Eine erstaunlich moderne Frauenfigur

Sibylle Mumenthaler (l.) und Emilia Haag Foto: Adrian Steineck Foto: Die Oberbadische

Von Adrian Steineck

Lörrach. In das Berlin der frühen 1930er-Jahre entführte die zweite Veranstaltung der Literaturreihe „Wintergäste“ die Zuhörer im Dreiländermuseum. Mit Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Jahr 1932, gelesen von den Schauspielerinnen Sibylle Mumenthaler und Emilia Haag, folgten sie den Erlebnissen der 18-jährigen Doris, die sich in der Hoffnung auf bessere Lebensumstände in die florierende Metropole begibt.

„Ich will schreiben wie im Film, und wenn ich es lese, ist es Kino“, sagt Doris gleich zu Beginn des Romans. Wie Irmgard Keun dieses Vorhaben in der Folge umsetzt, sorgte aufgrund der bildhaften Vergleiche immer wieder für Heiterkeit bei den gut 120 Zuhörern. Die Untergrundbahn erinnert die Protagonistin an einen „beleuchteten Sarg auf Schienen“, die Berliner Omnibusse sind „so hoch wie Aussichtstürme, die rennen“.

Es sind die undatierten, fortlaufenden Tagebucheinträge von Doris, die den Roman bilden. Die junge Frau selbst lässt uns an ihren Gedanken teilhaben – der rasche Strom an Eindrücken erinnert an James Joyce’s „Ulysses“ (1922) und den darin erstmals konsequent angewandten inneren Monolog. Doris verliert ihre Anstellung in ihrer rheinischen Heimatstadt, als sie die Avancen ihres Vorgesetzten abwehrt („Haben Sie noch nie in den Spiegel gesehen?“, fragt sie den zudringlichen Verehrer, was ihre fristlose Entlassung zur Folge hat).

Es sind diese und andere Stellen, die eine verblüffende Modernität verraten: Irmgard Keuns Werk erschien im Jahr 1932, die Hauptfigur aber ist eine lebensfrohe Frau, die sich nimmt, was – und wen – sie vom Leben will. „Ich habe viel Liebe und kann davon abgeben, aber man muss mich zuerst wollen lassen“, sagt Doris an einer Stelle. Sexuellen Zufallsbekanntschaften ist sie nicht abgeneigt, wenn sie sich davon einen Vorteil verspricht. Immer aber behält sie ihre Würde und ihren „Ehrgeiz“, wie sie es nennt und der darin besteht, in der Filmindustrie ein „Glanz“ zu werden.

In ihrer Lebenseinstellung steht Doris einer neueren Frauenfigur wie Charlotte Ritter, der Hauptfigur von Volker Kutschers Ende der 1920er-Jahre spielenden Kriminalroman „Der nasse Fisch“ und der darauf basierenden Fernsehserie „Babylon Berlin“, in nichts nach. Emilia Haag und Sibylle Mumenthaler verstehen es brillant, die Hauptfigur sprachlich für die Zuhörer sichtbar zu machen. Haag, die in Neuss und Kaiserslautern auf der Bühne stand, erweckt die Figuren, denen Doris auf ihrer Berlin-Odyssee begegnet, mit schnodderigem Berliner Dialekt zum Leben. Auch Mumenthaler, die unter anderem als Radiosprecherin in der Schweiz arbeitet, macht die Unbekümmertheit, aber auch das Verletzliche der Protagonistin deutlich, wenn sie klagt: „Manchmal gibt es Spiegel, in denen ich eine alte Frau bin.“

Dass Irmgard Keun (1905 bis 1982) viele Jahre als vergessene Schriftstellerin galt, mutet seltsam an: Immerhin wurde „Das kunstseidene Mädchen“ im Jahr 1959 mit der Fellini-Muse Giulietta Masina und „Goldfinger“-Bösewicht Gert Fröbe verfilmt. Und doch zog sich Keun, deren Bücher von den Nazis als „Asphaltliteratur“ beschlagnahmt wurden, jahrelang ins Exil nach Belgien und in die Niederlande zurück. Nach dem Krieg konnte sie in Deutschland nicht mehr wirklich heimisch werden. Erst in den 1970er-Jahren setzte die Wiederentdeckung der Schriftstellerin ein, die von ihren Zeitgenossen wie Alfred Döblin oder Kurt Tucholsky gefeiert wurde. Die nächsten „Wintergäste“ sind am Sonntag, 26. Januar, ab 11 Uhr im Lüschersaal der Alten Kanzlei, Baslerstraße 43 in Riehen.

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