Lörrach „Es tut immer noch weh“

Lörrach - Doppel-Jubiläum bei der Schlesier-Gruppe im Kreis Lörrach: Kürzlich wurde das 70-jährige Bestehen gefeiert. Gleichzeitig blickte Hubertus Langer auf 25 Jahre als deren Vorsitzender zurück.

„Es tut immer noch weh.“ Mit diesen Worten beschreibt Berthold Josko seine Gefühle, wenn er an den schmerzhaften Verlust seiner schlesischen Heimat denkt. So wie dem stellvertretenden Vorsitzenden der Lörracher Schlesiergruppe geht es wohl allen Menschen, die seit 1945 im Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vor der heranrückenden Roten Armee flüchteten oder nach Kriegsende vertrieben wurden.

4,6 Millionen Deutsche lebten bis zum Zweiten Weltkrieg in Schlesien, das Teil des Deutschen Reichs war. Die meisten von ihnen mussten ihre Heimat verlassen. Ein Teil wurde hingegen gezwungen zu bleiben, weil sie als Facharbeiter, zum Beispiel im Bergbau, von Polen gebraucht wurden. Dramatische Schicksale spielten sich damals ab. Viele starben auf dem Weg in den Westen.

In der Stadt Lörrach landeten laut Hubertus Langer schätzungsweise 3000 Schlesier, im Kreisgebiet bis zu 10 000. Genaue Zahlen liegen Langer nicht vor. Willkommen waren die Flüchtlinge aus dem Osten damals nicht, wissen Langer und Josko aus leidvoller Erfahrung. Nach Jahren der Entbehrung und Ausgrenzung fassten die Schlesier in der neuen Heimat allerdings schnell Fuß. „Wir waren in Zeiten des beginnenden Wirtschaftswunders begehrte Arbeitskräfte“, erinnert sich Langer.

Er selbst kam als 17-Jähriger über Umwege nach Lörrach. „Damit haben wir ein schönes Los gezogen. Denn im Markgräflerland kann man sehr ordentlich leben“, ist er dankbar dafür, dass es das Schicksal gut mit ihm meinte. Langer arbeitete sich hoch und war zuletzt bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1994 Vorstandsvorsitzender der Volksbank Dreiländereck, früher Volksbank Lörrach.

Seine Wahl zum Vorsitzenden der Schlesier-Kreisgruppe „war ein Glücksfall für uns“, betont Josko im Gespräch mehrfach. Und das hat seinen Grund: Langer – inzwischen 90 Jahre alt – gilt als profunder Kenner der schlesischen Geschichte. In seinem Wohnhaus hat er ein regelrechtes schlesisches Museum eingerichtet mit hunderten von Büchern, Dokumenten und Objekten. „Da fehlt nur noch die schlesische Luft“, ist auch Josko von dem Schatz aus der alten Heimat begeistert.

Bei den jährlichen Landesdelegierten-Tagungen in Stuttgart hielt Langer vielbeachtete Vorträge. Mit seinem umfangreichen Wissen über Schlesien wurde er vom Landesverband Baden-Württemberg mit der höchsten Auszeichnung, dem „Schlesier-Kreuz“, geehrt.

Die Hoffnung, die alte Heimat jemals wieder zurück zu erhalten, haben die Schlesier laut Josko und Langer inzwischen aufgegeben. Umso lebendiger aber sind die Erinnerungen. Brauchtumspflege und das Wachhalten der Erinnerung sehen sie heute als Hauptbetätigungsfeld ihrer Schlesier-Gruppe, die in Hochzeiten 100 Mitglieder zählte. Heute ist es nur noch die Hälfte.

„Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen der alten Heimat und dem Hier und Jetzt“, betont Josko.

Schlesien zählte 1937 rund 4,6 Millionen Einwohner und war etwas größer als Baden-Württemberg. Der größte Zustrom von schlesischen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen erfolgte in den Jahren 1947 bis 1949.

Der Gedankenaustausch über die alte Heimat war der wesentliche Grund für das Entstehen der Schlesier-Vereine, die von den Besatzungsbehörden erst 1949 zugelassen wurden. 1949 wurde auch die Schlesiervereinigung Südbaden mit Sitz in Lörrach gegründet, zwei Jahre später folgte die Trachtengruppe mit 20 Jugendlichen.

Die Schlesier treffen sich jeweils am letzten Freitag im Monat um 15 Uhr im Brauhaus Lasser. Hier werden heimatliche Themen behandelt, heimatliche Lieder gesungen und interessante Vorträge gehalten.

Sie möchten alle Nachrichten aus Ihrer Gemeinde lesen?
Dann testen Sie unser ePaper – 3 Wochen völlig gratis und unverbindlich! Klicken Sie HIER.

  • Bewertung
    0

Newsticker

blank

Umfrage

Recep Tayyip Erdogan

Der Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien sorgt für viel Kritik. Die USA verhängen jetzt Sanktionen gegen die Türkei. Befürworten Sie das Vorgehen?

Ergebnis anzeigen
loading