Lörrach Fast schon beängstigend vollkommen

Jürgen Scharf
Mit dem Belcea Quartett gastierte im Burghof eines der weltweit bedeutendsten Streichquartette. Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Lörrach. Aufgrund einer Umbesetzung – für Axel Schacher sprang die Geigerin Ayako Tanaka, Konzertmeisterin des Orchestre National de Lille, ein – änderte sich auch das Programm des Belcea Quartetts am Freitag im Burghof.

Ereignis Beethoven. Nicht nur, dass das hochgelobte Belcea Quartett, das bald 30. Geburtstag feiert, mit Beethovens Streichquartett Nr. 7, dem ersten der Rasumowsky-Quartette, einen emotionalen Bezug zur Situation heute schafft – ihr Beethoven klingt frappierend modern.

Die Formation um die rumänische erste Geigerin Corina Belcea spielt auch bei Beethoven in einer Region von Klangschönheit, die fast unbeschreibbar ist. Klangqualität auf allerhöchstem Niveau. Lupenreinste Intonation, ein Feinschliff und eine technische Perfektion, die fast schon beängstigend vollkommen erscheinen.

Die Phrasierungen, die Übergänge, die Dynamik, die Abschattierungen der Klangfarben – das sind Vorzüge der Belceas, wie sie so leicht kein anderes Quartett vorweisen kann. Der dritte Satz in Beethovens Quartett ist unter ihren Bögen ergreifende Espressivomusik mit einem tragischen Grundton. Die Violinkadenz mit Trillern als Übergang zum Schlusssatz spielt Corina Belcea mit einem schier ätherischem Ton.

Alles ist hier mit der Vorsilbe „hyper“ zu versehen: ein Spiel, so hyperfein, so hyperdelikat, so hyperkantabel, dass es seinesgleichen sucht. Dazu ein Beethoven in schönster Zartheit, dass man bei dem Ensemble fast von „Beethoven-Flüsterern“ reden könnte.

Spiel wie aus einem Guss

Die Vier, inklusive der kurzfristigen Einspringerin, spielen in einem absoluten Grenzbereich, was die Klanglichkeit angeht. Ihr Spiel wirkt wie aus einem Guss, fluide, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie ganz nah aneinander rücken, vor allem die beiden Violinen und die Bratsche (Krysztof Chorzelski), mit ständigen Augenkontakten. Die Belceas scheinen sich für eine Totalverschmelzung ihrer Instrumente entschieden zu haben. Das Klangspektrum ist daher sehr intim, kein bisschen vordergründig.

Ideale Voraussetzungen für das klangschöne einzige Streichquartett von Claude Debussy, dessen langsamen Satz sie wie ein Nocturne und die Ecksätze mit viel Esprit, äußerster Präzision und ausgeprägtem Klangempfinden spielen. Auch hier scheinen die Instrumente durch die Nähe optimal aufeinander abgestimmt.

Man meint, Debussys Kammermusiksolitär vom musikalischen Ansatz her konzeptionell neu zu hören, mit enormer Clarté, die unter Nervosität schier erzittert: eine neue Qualität dieser Musik. Nicht nur das irisierende Schillern und der schwerelose Klang sind da, sondern auch etwas Schwebendes, Immaterielles, Irrationales. Das Publikum wagte kaum zu atmen, versuchte das übliche Husten so gut es ging zu unterdrücken.

Die harmonische Gestaltung und Sensibilität überträgt sich auch auf Schuberts zehntes Streichquartett mit seinem vielen melodischen Material und dem zarten, fast unhörbar leise gespielten Adagio. Auch hier wieder eine wunderbare Kommunikation, etwa im vierten Satz mit der tremolierenden Stimme der ersten Geige im Dialog mit dem Cello (Antoine Lederlin). Einmal mehr fällt die instrumentale Balance in einer höchst beeindruckenden dynamischen Spannbreite auf, sehr individualistisch wie das ganze Spiel des Belcea Quartetts, und äußerst homogen im Klangbild.

Es spricht für die unglaubliche Disziplin des Ensembles, das mit dreistündiger Verspätung erst kurz vor Konzertbeginn aus Wien eintraf, sich noch hinter der Bühne einspielte und dann so einen phänomenalen Abend hinlegte. Sensationell.

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