Lörrach Fenster in eine andere Gegenwart

Kuratorin Barbara Hauß im ersten Ausstellungsraum „Professoren: Hans Adolf Bühler und August Babberger“ Foto: Dorothee Philipp

Lörrach - Die Zeit des Nationalsozialismus hat das Dreiländermuseum schon in zahlreichen Sonderausstellungen thematisiert. Die neue Ausstellung mit dem Titel „Kunst und Nationalsozialismus“ lenkt nun erstmals das Augenmerk auf die vielen Facetten, die unter diesem Ansatz aufscheinen.

Die Texte der Präsentation sind zweisprachig, was den grenzüberschreitenden Anspruch des Dreiländermuseums hervorhebt. Viele der gezeigten Werke stammen aus der museumseigenen Sammlung, etliche waren noch nie öffentlich zu sehen, wie Museumsleiter Markus Moehring betont. Und das aus gutem Grund: Wie präsentiert man Werke von Künstlern, die nach 1945 als Nazis oder Anhänger der Nazi-Ideologie stigmatisiert waren? Und wie geht man mit den janusköpfigen Künstlerpersönlichkeiten um, die zeitweise ihr Schaffen in den Dienst der Nazi-Propaganda gestellt haben?

Mit Barbara Hauß als Kuratorin der Ausstellung hat das Museum einen Glücksgriff getan. Die in Amerika geborene und seit vielen Jahren in der Region lebende Kunsthistorikerin präsentiert in sechs Ausstellungsräumen jeweils zwei Künstler aus der Region – Künstlerinnen sind nicht vertreten –, deren Schaffen exemplarisch zeigt, wie vielfältig die Kunst auf die Zeitumstände dieser zwölf Jahre reagierte.

Ambivalenz von politischen und rein kunstaffinen Bedeutungsebenen

Von klaren Abgrenzungen und vereinfachender Schwarzweißmalerei ist dieser Ansatz weit entfernt. Dafür öffnet er ein Fenster in eine andere Gegenwart. „Darf man so ein Bild schön finden?“, lenkte Moehring beim Rundgang den Blick auf das Werk „Anker am Rhein“ von Hermann Burte und damit auf die Ambivalenz von politischen und rein kunstaffinen Konnotationen.

Dass sich ein Kunstwerk nicht vollständig von seiner Entstehungsgeschichte lösen kann, zeigt die Installation gleich zu Beginn der Ausstellung, wo das Bild „Brecher“ aus dem Jahr 1936 des Expressionisten Emil Nolde als Projektion in einem stilisierten, biederen Wohnzimmer mit Topfpflanze und Stehlampe gezeigt wird. 2019 wurde der mit Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ verklärte Maler in einer Berliner Ausstellung als überzeugter Nazi und Antisemit präsentiert. Daraufhin ließ die Kanzlerin das Bild, das als Leihgabe der Staatlichen Museen ihr Arbeitszimmer zierte, zurückgeben.

Kurze prägnante Texttafeln führen in das Thema des jeweiligen Raums ein. Doch nur die Kunstwerke allein, so aussagekräftig sie auch sein mögen, können die vielen feinen Schattierungen, die mitschwingen, nicht greifbar machen. Das geschieht mit Litfaßsäulen, wo man anhand von Zeitungsartikeln, Briefen und anderen schriftlichen „O-Tönen“ in die Entstehungszeit der Kunstwerke eintauchen kann. Ungefiltert durch die Interpretation der Nachwelt tritt einem hier die Gedankenwelt der Nazizeit entgegen. Hat eines der Textdokumente einen konkreten Bezug zu einem der gezeigten Kunstwerke, stellt eine rote Linie auf dem Boden von der Säule bis zum Platz des Kunstwerks den Zusammenhang her. In zwei Fällen wird man so auch auf Übermalungen aufmerksam gemacht, bei denen nachträglich ein Hakenkreuz und zum Hitlergruß erhobene Arme übermalt wurden.

Mit Barbara Hauß als Kuratorin hat das Museum einen Glücksgriff getan

Hauß hat aus dem regionalen Kunstschaffen der Nazizeit zwölf Künstler ausgewählt, die sie unter sechs Stichworten zu Tandems zusammenführt und jeweils in einem Raum vorstellt: Die Professoren Hans Adolf Bühler und August Babberger, die Brüder Hermann Strübe (Burte) und Adolf Strübe, die Secessionisten Emil Bizer und Adolf Riedlin, die Alemannen Adolf Glattacker und Eugen Feger, die Plastiker Max Laeuger und Philipp Flettner sowie die Soldaten Rudolf Kreuter und Paul Ibenthaler.

Am Ausstellungsende sind außerdem zwei monumentale Formate von Adolf Riedlin zu sehen, die sich mit der Kraft und der Produktivität des regionalen Arbeitslebens befassen: „Weiler Rheinhafen“ und „Flößer an der Wuhr“, zwei Gemälde aus dem Fundus des Dreiländermuseums, die schon wegen ihrer schieren Größe selten gezeigt werden können.

Beschäftigt sich die Eingangsinstallation mit einem aus moralisch-ethischen Gründen abgehängten Kunstwerk, trifft man am Ende des Rundgangs auf ein Kunstwerk, das nach langen Jahren im Depot der Bayerischen Museen jetzt in der Dauerausstellung der Münchner Pinakothek zu sehen ist: Das Triptychon „Die vier Elemente“ von Adolf Ziegler. Dieser hatte als Präsident der Reichskulturkammer tausende von modernen Kunstwerken beschlagnahmen und teilweise zerstören lassen und mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 Kunstschaffen diffamiert, das nicht der nationalsozialistischen Kunstauffassung entsprach. Das Triptychon hing, wie die Installation in Überblendtechnik zeigt, im Kaminzimmer des Münchner Führerbaus.

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