Lörrach Flüchtigen Gefühl auf der Spur

Von Mensch zu Puppe, von Puppe zu Mensch: Faszinierendes Miteinander belebter Figuren auf der Werkraum-Bühne Foto: Ehrlich

Lörrach-Brombach. Das Glück ist ein flüchtiges Reh. Am sichtbarsten ist es dort, wo es fehlt. In dem Theaterstück „Glück“, einer Koproduktion des Werkraums Schöpflin mit dem Puppentheater Halle, das am Samstag Premiere feierte, wird das in beeindruckender Intensität deutlich.

Zum Abschluss der Themenreihe über Glück hat Birgit Degenhardt den Intendanten des renommierte Puppentheaters, Christoph Werner, für eine gemeinsame Produktion gewinnen können. Der Text zum Stück stammt vom Hallenser Hausdramaturgen Ralf Meyer.

Ein Stück, das nachdenklich macht: In mehreren Episoden begegnet der Zuschauer verschiedenen Spielarten der Verzweiflung, mit selbstgebauten Puppen detailreich und voller Menschenliebe in Szene gesetzt. Da wäre als erster Jesus von Nazareth. Auf dem dunkelgrünen Divan der Psychotherapeutin Doktor Rita Yellow hadert der Erlöser, gespielt von zwei Puppenspielern mit einer Puppe über seine übergroße Mission, der er sich schon lange nicht mehr gewachsen fühlt. Yellow, verkörpert von Veronika Thieme als auffällige Erscheinung im roten Kunstpelz, mit schwarzer Brille und jeder Menge Schmuck, schlägt ihm vor, über seinen Vater zu sprechen. Jesus winkt ab: ein nicht realisierbares Vorhaben, schon gar nicht in den acht bis zehn Sitzungen, welche die Psychotherapeutin dafür veranschlagt.

Und so geht es weiter: eine Frau beklagt sich über ihren Mann, der sich von ihr getrennt hat, obwohl es doch zuerst eigentlich sie war, die seiner überdrüssig geworden ist; ein durch einen Unfall traumatisierter Außendienstler will sich vom Dach stürzen und wird dabei von einem Kollegen (temperamentvoll: Rike Schuberty) gestört, ein schon etwas in die Jahre gekommener Herr möchte seinen Beruf wechseln und nun ausgerechnet Bestatter werden. Was wird die Familie dazu sagen?

Dem durchweg traurigen Stoff gegenübergestellt, ist die ins Publikum überschwappende Freude am Szenischen und der spielerische Umgang mit den Figuren. Dadurch gewinnt der Abend die zwischen Glück und Leid hin- und herschwingende Ambiguität, die sich gewissermaßen als roter Faden durch das ganze Stück zieht.

Faszinierend ist es, wenn Puppen und Menschen sich als Schauspieler ebenbürtig gegenüberstehen. Oder alle zusammen mit nur einer Figur die Bühne bespielen: Spontanen Szenenapplaus gibt es für den Auftritt von Karl Lagerfelds schneeweißer Katze Choupette, eigens angefertigt für die Uraufführung in Lörrach. Mit beeindruckendem Fingerspitzengefühl und absolut synchron, sich selbst bis auf’s Äußerste zurücknehmend, lassen die drei Schauspieler, allesamt Absolventen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, das kapriziöse Haustier ganz lebendig werden. Kleinste Bewegungen der Pfoten, Sprünge und Räkeleien wirken auf fast schon unheimliche Art und Weise real.

Der Reigen prominenter Gesichter ist damit noch nicht zu Ende: Auch Michael Jackson hat seinen Auftritt, als Puppe, gespielt von Simon Buchegger. Die zur Puppe gewordene Kunstfigur schildert ein trostloses Leben, ausgerechnet Psychotherapeutin Yellow lässt ihn durch ihr geduldiges Zuhören für einen Moment zur Ruhe kommen.

Aber auch an die Zuschauer ist gedacht: Immer wieder springen die Mitglieder der nur für diese Produktion zusammengestellten Truppe aus dem goldenen Rahmen, der ihnen als „Guckkastenbühne“ dient (Bühne: Angela Baumgart), begrüßen die Gäste an den gemütlich im Raum verteilten Tischen und verteilen kleine Geschenke, ganz einfach von Mensch zu Mensch.

Weitere Informationen: „Glück“ – eine Koproduktion des Werkraums Schöpflin mit dem Puppentheater Halle wird am heutigen Dienstag um 20 Uhr nochmal gezeigt. Am 31. Januar folgt dann die Premiere in Halle. Im Frühjahr soll es in Lörrach wieder aufgenommen werden.

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