Von Guido Neidinger

Lörrach. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Fürst. Sie werden mit Euer Durchlaucht angesprochen. Junge Frauen machen vor Ihnen einen Knicks, Männer verneigen sich. Sie wohnen mit Ihrer Familie in einem schönen Schloss. Sie bewirtschaften 8000 Hektar Land, haben eine bedeutetende Trakener-Pferdezucht und 600 Angestellte. Und: Sie verlieren alles – von heute auf morgen. Mit diesen Worten begann Friedrich Graf zu Dohna am Freitagabend im völlig überfüllten Hebelsaal des Dreiländermuseums seinen Vortrag über den Schlobitter Flüchtlingstreck.

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Es ist die Geschichte seines Vaters Alexander Fürst zu Dohna. 1945 führte dieser den größten Einzeltreck aus dem damals deutschen Ostpreußen unter dramatischen Umständen vor der heranrückenden russischen Armee in die Freiheit. Fürst zu Dohna hätte es sich damals einfacher machen können. Er hätte nur sich und seine Familie in Sicherheit bringen können. Aber für einen ostpreußischen Adligen kam das nicht in Frage. Es war selbstverständlich, dass seine Leute ihm gehorchten.

Ebenso selbstverständlich war aber auch die Verantwortung des Fürsten für seine Leute. Nur seine Frau und seine Kinder hatte er in Sicherheit gebracht. Er wusste um die Strapazen eines Trecks, im Krieg, im eisigen Winter. Und so kam es, dass der Referent, der heute 81-jährige Sohn Friedrich, den Treck, den er nachzeichnete, nicht selbst erlebte. Fast hatte man den Eindruck, dass er dies bedauert. Umso eifriger machte er sich später an dessen Erforschung.

Der Dohnasche Treck führte 500 Menschen und 200 Pferde mit 50 Wagen neun Wochen lang bei klirrender Kälte über Westpreußen, Pommern, Mecklenburg und Niedersachsen 1500 Kilometer bis in den damaligen Landkreis Grafschaft Hoya bei Bremen. Allein die Versorgung der 500 Menschen, die aus Schlobitten und und aus Prökelwitz aufgebrochen waren, war eine fast unlösbare Aufgabe. „Wir klauten wie die Raben“, wird eine Zeitzeugin zitiert. Zudem hatte der Fürst vorsorglich eine Million Reichsmark auf eine Frankfurter Bank transferiert, um Lebensmittel zu kaufen und Unterkünfte zu bezahlen.

Die lebendigen Schilderungen seines Sohnes im Museum erinnerten spontan an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Doch während niemand von denen, die ausgezogen waren, das Gelobte Land erreichten, war das beim Dohnaschen Treck anders. Allerdings schafften es längst nicht alle: 330 Menschen und 140 Pferde erreichten mit 38 Wagen das Ziel in Niedersachsen. Etwa ein Drittel Verlust war zu beklagen.

Unterwegs spielten sich schreckliche Szenen ab, wie der Referent schilderte. Neun Kinder unter einem Jahr starben. Zeit, sie in der steinhart gefrorenen fremden Erde zu begraben, blieb nicht. Sie wurden in Tücher gewickelt und in den Straßengraben gelegt. Eine alte Frau, die entkräftet in einem Sessel starb, wurde beim Aufbruch dort sitzengelassen. Der Fürst musste Mensch und Tier immer wieder zu höchster Eile antreiben.

Dass der Treck überhaupt das Ziel erreichte, grenzt an ein Wunder. Und dass der Graf den Treck vorbereiten und führen konnte, kommt einer Fügung gleich. Dem Kessel von Stalingrad entkommen, wurde Alexander Fürst zu Dohna 1944 als unzuverlässig und wegen Ungehorsams aus der Armee entlassen (siehe untenstehenden Kasten).

Er hatte sich geweigert , den Befehl zur Exekution eines amerikanischen Spionagetrupps weiterzugeben. So konnte er nach Hause, um zu erkennen, dass der Krieg und die geliebte Heimat für immer verloren waren. Das zerbrach ihn nicht, sondern er handelte wie ein Soldat.

Bereits 1944 bereitete er den zu dieser Zeit noch verbotenen Flüchtlingstreck generalstabsmäßig vor, weihte seine engsten Vertrauten in den Plan ein und gab am 22. Januar 1945 den Befehl zum Aufbruch. Alle seine Leute folgten ihm. „Eine intakte hierarchische Ordnung und das blinde Vertrauen der Menschen war erforderlich für das Gelingen des Trecks“, resümierte Friedrich Graf zu Dohna im Museumssaal.

Aber trotz aller Akribie in der Vorbereitung und eines umsichtigen Führers war auch bei Fürst Dohna die Angst ein ständiger Begleiter. Die Angst, als Fahnenflüchtiger verhaftet zu werden, die Angst, nicht weiter nach Westen trecken zu dürfen, die Angst vor Fliegerangriffen, die Angst, die Menschen nicht verpflegen zu können. Doch der Fürst fand auf alle Herausforderungen eine Antwort. Einen stellvertretenden NS-Ortsgruppenleiter musste er unterwegs mit Schnaps gefügig machen, sodass dieser ihm ein Papier unteschrieb. Damit hatte er die Erlaubnis, den Treck weiterhin führen zu dürfen und nicht in den letzten Kriegsmonaten zum Volkssturm eingezogen zu werden. Um die Gefahr von Fliegerangriffen zu vermeiden, ordnete er an, nur noch nachts zu trecken.

Das hatte mehrere Vorteile: keine Angriffe, weniger Betrieb auf den Straßen und leere Quartiere am anderen Morgen. Aber es war auch gefährlicher. Die oft eisenbereiften Wagen rutschten in der Dunkelheit auf eisglatten Straßen nicht selten in den Graben und mussten mühsam wieder herausgezogen werden.

„Nie zuvor habe ich meinen Vortrag vor einem so großen Publikum gehalten“, zeigte sich Friedrich Graf zu Dohna von der Kulisse im Hebelsaal beeindruckt. Dies ist wohl mehreren Gründen geschuldet. Viele Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten fanden in Lörrach nach dem Krieg eine neue Heimat. Und: Der Retter der Menschen von Schlobitten und Prökelwitz, lebte in den 60er und 70er Jahren in Lörrach. Ältere Lörracher kennen ihn noch.