Viele Lörracherinnen, die 81 Jahre alt sind, gehen ins Seniorenkino, zum Quartierscafé in Stetten oder dem Seniorentreff. Dort ist auch Elisabeth Netzer anzutreffen – wenn sie nicht gerade  mit dem Heißluftballon fliegt, oder acht Meter barfuß über offenes Feuer läuft.   

Von Kristoff Meller

Lörrach. Nach dem ersten  Augenkontakt wandert der Blick ungewollt direkt zu den Füßen, nachdem Elisabeth Netzer ihre Wohnungstür  in Stetten geöffnet hat. Nein, kein Verband, kein Pflaster, kein Humpeln. Offenbar hat das Gehen über Glut und Flammen tatsächlich keine physischen Spuren hinterlassen, nur  psychische: „Es war eine tolle, einmalige Erfahrung“, schwärmt die Rentnerin noch immer, nachdem sie am Esstisch im Wohnzimmer Platz genommen hat.

 Kurz vor ihrem 81. Geburtstag Mitte Juni hat sie ihr guter Freund Erwin Lang dazu überredet und mit ins schweizerische Wangen an der Aare zum Feuerlaufseminar von Nick Lötscher mitgenommen. Der Weiler ist seit 1986 begeisterter und regelmäßiger Feuerläufer: „Mit der richtigen Technik und innerer Kraft lässt sich jede Gefahr überwinden“, hat Lang dabei gelernt und schwärmt vom „Gemeinschaftserlebnis“ beim heißen Spaziergang.

Ganz billig ist dieses Erlebnis nicht. Die erste Teilnahme am Feuerlaufseminar kostet 280 Franken, „Wiederholungstäter“ bezahlen 100 Franken. Lötscher wirbt damit, „die mentalen Fähigkeiten“ zu stärken, das „innere Feuer“ der Teilnehmer neu zu entfachen und diese ihre „eigene Lebensenergie in vollen Zügen spüren“ zu lassen. Dafür gibt es zunächst eine  mehrstündige Mentalvorbereitung mit Musik und vielen Gesprächen, wie Netzer schildert. „Ich glaube nicht an irgendwelchen Spuk, aber es hat schon was für sich, wenn man sich darauf einstellt.“

Am Abend wird dann der Holzstapel gemeinsam aufgebaut und feierlich entzündet, bevor nach Einbruch der Dunkelheit  der große Moment gekommen ist. Einer nach dem anderen läuft unter dem Jubel der anderen Teilnehmer über die acht Meter lange Bahn aus lodernden Flammen unterm Sternenhimmel.

Mentale Stärke und physikalische Gesetze

Um das jahrhundertealte Ritual ohne Verbrennungen zu überstehen, ist   mentale  Stärke und die Beachtung physikalischer Gesetze notwendig, wie man heute weiß. Entscheidend ist unter anderem die eher schwache Wärmeleitfähigkeit von Holz und die kurze Verweildauer auf den glühenden Kohlen. „Man merkt wirklich nichts“, sagt Netzer.

Wenn das Tempo stimmt: Man dürfe sich nicht „lahm“ über den heißen Untergrund fortbewegen und sollte auch nicht rennen, erklärt die Seniorin, die mit Abstand die älteste Teilnehmerin des Seminars war. Ansonsten sei es jedoch kein Problem, die Strecke mehrfach zu absolvieren. „Man kann sich immer wieder hinten anstellen und  theoretisch 50 Mal  drüber laufen.“

Entscheidend ist die Überwindung der Angst vor dem ersten Schritt. Für Netzer kein Problem: „Angst existiert für mich nicht“, sagt sie selbstbewusst. Und man glaubt der Frau, die privat schon viel durchgemacht hat, sofort. Denn Netzer hatte schon immer einen eigenen Kopf, wie sie sagt. Und wenn es sein musste, habe sie auch mal die Ellenbogen ausgefahren, um sich durchzusetzen.

Auch mit über 80 Jahren ständig auf Achse

Seit 1960 lebt Netzer in Lörrach, wo sie 30 glückliche Jahre mit ihrem zweiten Mann verbrachte, bevor er 2006 verstarb. Seit die ehemalige Sachbearbeiterin bei Hofmann La Roche in Basel im Ruhestand ist, frönt sie ausgefallenen Freizeitbeschäftigungen. Sie stieg schon in einen Heißluftballon, flog mit einem Zeppelin und ist nach eigener Aussage „immer offen für neue Ideen“ und Aktivitäten.

Doch trotz größter Vitalität und Lebensfreude  ist ihr Körper nicht vom Altern ausgenommen. Zwei Augen-Operationen hat sie hinter sich, vor Jahren besiegte sie zudem den Krebs. Doch trotz dieser und aktueller Hiobsbotschaften ihres Orthopäden  lässt sie sich „einfach nicht klein kriegen“. Zuletzt besuchte Netzer für einige Tage die Stadt Dortmund, wo sie aufgewachsen ist, nun steht ein dreiwöchiger Türkei-Urlaub an.   

„Es geht mir gut und ich bin jeden Tag auf Achse“, sagt Netzer und lacht. Im Herbst will sie sich einen weiteren Traum erfüllen: ein Paragliding-Tandemflug. Beim ersten Versuch herrschte Flaute auf dem Berg, nun will sie endlich abheben. Es wird wohl nicht ihr letztes Abenteuer sein.
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