Lörrach Getanzte Poesie und inspirierende Kraft

Willi Vogl
Meisterlich beherrschte Körperspannung: Danza Contemporánea de Cuba Foto: zvg/Alfredo Izquierdo

Von Willi Vogl

Lörrach. Das Publikum erlebte im Burghof mit der Tanzcompagnie Danza Contemporánea de Cuba eine spannungsreiche tänzerische Interpretation mit Schlüsselwerken des musikalischen Erbes. Unter der Leitung von Miguel A. Iglesias Ferrer präsentierten neun Tänzer und 13 Tänzerinnen anregende Ballette von zeitgenössischen Choreografen.

Die beiden stets gemeinsam kreierenden Choreografen Christophe Béranger und Jonathan Pranlas-Descours entwickelten auf Basis von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printeps“ bewegte Bilder von beindruckender Intensität. Während in der Choreografie der Pariser Uraufführung 1913 von Vaslav Nijinsky noch Elemente des klassischen Spitzentanzes eine Rolle spielten, nutzt die Choreografie „Consagración“ Bewegungsmodelle des aktuellen Ausdruckstanzes in Verbindung mit akrobatischen Figuren. Die Tänzer sind barfuß und in knappe Kostüme von warmen Brauntönen gekleidet. Der lange, das Gesicht verdeckende transparente Schleier könnte ein Hinweis auf eine Botschaft sein, die sich mit der Choreografie verbindet. Während das Libretto der Uraufführung eine vergleichsweise konkrete Handlung von der Opferung einer Jungfrau an den Frühlingsgott abbildet, nimmt man in „Consagración“ Entwicklungstendenzen von der Anonymität hin zur Personalität oder von der Selbstbezogenheit des Einzelnen hin zur Kommunikation mit der Gemeinschaft wahr.

So stand am Ende wohl nicht die Opferung einer einzelnen Jungfrau im Mittelpunkt, sondern möglicherweise die Rebellion des Kollektivs, das sich nach der Entschleierung gemeinsam opfert.

Besonders starke Momente entstanden nicht nur in den Bewegungsmustern, die synchron mit der Musik inszeniert sind, sondern vor allem in Momenten des Kontrastes zwischen Musik und Tanz. So steht die meisterlich beherrschte Körperspannung eines gleichsam statischen Gruppenbildes in berührendem Kontrast zu den aperiodisch stampfenden Akkorden von Igor Strawinskys Musik.

Generell zeigt sich die über 100 Jahre alte Musik des russischen Großmeisters mit seinen flirrenden Trillern, polytonalen und polymetrischen Schichtungen, jedoch vor allem mit den kleingliedrigen Wechseln zwischen Momenten wie weich grundierter Ekstase in den hohen Streichern und rustikaler Wucht in den tiefen Blechbläsern immer noch als vorzüglicher Inspirationsquell für beeindruckenden modernen Tanz. In der vorzüglichen Studioeinspielung der Musik, der plastischen Wiedergabe durch die Burghoftechnik sowie der fantasievollen Lichtregie Olivier Bauers gewann die Körperlichkeit der 22 Tänzer eine packende Unmittelbarkeit.

Auch der Choreograf George Céspedes verbindet mit „Polvo, Palabras, Sombras, Nada“, den Worten aus einem persischen Gedicht, Musik des musikalischen Erbes mit höchst originellen Ausdrucksformen des zeitgenössischen Tanzes. Das Ballett über „Staub, Worte, Schatten, Nichts“ entstand zum 100. Todestag von Camille Saint-Saëns und nutzt Auszüge aus seinem Requiem und dem Dance Macabre. Auch hier überzeugte die Danza Contemporánea de Cuba mit eigenwilligen Bewegungsmodellen zwischen getanzter Poesie und inspirierender Kraft.

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