Lörrach Grüner Hain „für immer verloren“

Lörrach  - „Irritiert, verunsichert und besorgt“ sind viele Lörracher Bürger angesichts der geplanten Bebauung im Umfeld des Stettener Krottenweihers (wir berichteten ausführlich). Mehr als 150 haben nun ein detailliertes, kritisches Schreiben an den Gemeinderat und Oberbürgermeister Jörg Lutz unterzeichnet.

„Erfreulicherweise haben in nur zwei Tagen 90 Personen das Papier mit ihrer Unterschrift unterstützt“, teilten die Initiatoren Herrmann Harrer, Manfred Hugenschmidt, Peter Külby, Siegfried Meier, Irene Gerlach, Wolfgang Löhlein, Luise und Thomas Salfelder am Montagabend mit. Inzwischen sind es sogar mehr als 150, sagte Hugenschmidt am Dienstag im Gespräch mit unserer Zeitung.

Fällstopp aufgrund eines fehlenden artenschutzrechtlichen Gutachtens

Im Schreiben, das wir in Auszügen veröffentlichen, wird zunächst auf den geltenden Bebauungsplan hingewiesen. Dort stehe: „Der gesamte Bereich Leuselhardt ist geprägt durch eine offene Bebauung mit durchlässigen und durchgrünten Strukturen. Dieser Charakter soll erhalten bleiben.“ Nun wurde im Dezember 2018 aber eine Bauanfrage für die Erstellung zweier Einfamilienhäuser im rückwärtigen Hangbereich des Krottenweihers eingereicht. „Laut des Maklers Remax Immobilien ist eine weitere Option, dass die bestehende Bebauung abgerissen wird und auch im Vorderbereich zwei neue Gebäude erstellt werden. Allerdings wurde für dieses erweiterte Szenario bislang kein Baugesuch eingereicht“, so das Schreiben.

„Am 28. Januar wurden dann im Hangbereich für die Anwohner überraschend mehrere Bäume gefällt. Nachdem Nachbarn die Stadt und das Landratsamt (LRA) verständigt hatten, erfolgte durch das LRA ein Fällstopp aufgrund eines fehlenden artenschutzrechtlichen Gutachtens.“ Dieses wurde daraufhin vorgelegt, mit dem Resümee, dass ein Abholzen nicht dem Artenschutz widerspreche und die Bäume zudem teilweise nicht gesund seien, wie ein zweites Gutachten ergab. Der Hang wurde daraufhin zwischen dem 19. und 22. März flächig gerodet. Die Bäume seien jedoch „vollkommen gesund“ gewesen, so das Schreiben der Anwohner, das sich auf die Aussagen mehrerer anderer Experten stützt.

Durch Fällungen Tatsachen geschaffen

Die Autoren beklagen: „Die erfolgten Fällungen sind bei vielen Bürgern auf völliges Unverständnis gestoßen. Sind sie doch Ausdruck eines rücksichtslosen Vorgehens, um Tatsachen zu schaffen, damit das Bauvorhaben als unumgänglich erscheinen soll. Dabei spielten die zuständigen Behörden eine mehr als unglückliche Rolle. Zum Nachteil eines gar nicht so kleinen Haines mit mehreren über hundertjährigen Bäumen, der ungeachtet des weiteren Verlaufs des Verfahrens für immer verloren bleibt.“

Nach Auskunft der Stadt habe ein geotechnisches Gutachten keine „aktiven Kriech- oder Rutschbewegungen“ am Hang festgestellt – einen bekannten Fall im Bereich Neue-Heimat-Weg ausgenommen. Aber: „Dass kleinräumige Hangbewegungen durchaus stattfinden und auch Schäden anrichten, zeigen nicht nur zahlreiche Beispiele aus Stetten, sondern auch eine unmittelbar an den Finkenweg 3a angrenzende Stützmauer, die auf zwölf  Metern Länge abgerutscht ist – an der Grundstücksgrenze zum potenziellen Baugebiet über drei Meter. Soviel zur Aussagekraft dieses Gutachtens“, so das Schreiben.

„Begründete Sorge besteht auch nicht in erster Linie hinsichtlich der Standsicherheit zu errichtender Bauten, sondern der Auswirkung solch massiver Bodeneingriffe auf die Tektonik des umgebenden Geländes. Zumal das Regierungspräsidium bestätigt, dass in dieser Lage ,durch sehr tiefe und/oder breite Baugruben alte Gleitflächen remobilisiert werden’ können.“

Ein wichtiger Aspekt sei zudem, „wie sich die Bauvorhaben mit dem als unstrittig geltenden Erhalt des Krottenweihers vereinbaren“ lasse, der im Bebauungsplan als “Lebensraum für besonders geschützte Tiere“ bezeichnet werde. Anwohner sahen dort laut dem Schreiben unter anderem Fledermäuse, Reiher, Buntspechte, Eichelhäher, Erdkröten, Frösche, Bergmolche, Blindschleichen, Ringelnattern und bisweilen einen Eisvogel.

Handeln der zuständigen Akteure „nicht gerade vertrauensbildend“

Aber, so das Schreiben: „Bei der letzten Fortschreibung des Flächennutzungsplanes wurde versäumt, das für die Amphibien als Rückzugsgebiet wichtige Umfeld des Gewässers adäquat zu schützen, weshalb zum Zeitpunkt, als die Bauvoranfrage eingereicht wurde, lediglich der Weiher als Biotop geschützt war. Dies bedeutet, dass nur die Gewässerfläche selbst und die bedrohten Tiere unter Schutz standen. Und es ist unschwer vorzustellen, wie die wassernahen Rückzugsgebiete der Amphibien aussehen werden nach unzähligen Überfahrten des Geländes durch Lkw und schweres Baugerät sowie nach Lagerung von Baumaterial im Umfeld des Weihers“. Abgesehen davon könnten nach einer massiven Verbauung sowohl Quell- als auch Oberflächenwasser für das Biotop fehlen.

Die Anwohner sind angesichts „der zahlreichen Unwägbarkeiten und ungeklärten Fragen verunsichert und besorgt, da auch das bisherige Handeln der zuständigen Akteure nicht gerade als vertrauensbildend bezeichnet werden“ könne. „Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Stadt wenigstens an die ,Zielvorgabe’ ihres erst vor vier Jahren verabschiedeten Bebauungsplanes erinnerte, der eine ,maßvolle Nachverdichtung unter Berücksichtigung des Bestandes’ propagiert“, betonen die Autoren. „Die charakteristischen begrünten Strukturen sind leider schon Geschichte. Es wäre im Sinne aller, wenn nicht noch weiterer Schaden entstünde durch den Verlust des im Stadtgebiet einzigartigen Feuchtbiotops oder gar durch Erdrutschungen.“

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