Lörrach Händchenhalten an der Grenze

Wenn die Grenze plötzlich Menschen trennt.Foto: Michael Sesiani Foto: Die Oberbadische

Wir erleben ein historisches Ereignis: Dass im Jahr 2020 Deutschlands Grenzen zu Frankreich und zur Schweiz dicht sind – wenn auch nur vorübergehend – war für die meisten Menschen unvorstellbar, wie wohl die gesamte Entwicklung rund um das Coronavirus. Da liegt es auf der Hand, dass ein Haus wie das Dreiländermuseum das Thema Grenze aktuell dokumentiert, um es für Zeitgenossen sowie für die Nachwelt präsent zu halten.

Von Gabriele Hauger

Lörrach. „Wir erleben derzeit die dritte Grenzschließung in 100 Jahren“, erklärt Museumsleiter Markus Moehring auf Nachfrage. Ein Ereignis, das für die Sammlung unbedingt dokumentiert werden muss. Als Museum müsse man stets am Puls der Zeit sein. Es gehe jetzt darum zu überlegen, was rund ums Thema Grenze historisch relevant und somit zu bewahren sei. „Wir müssen Qualität erkennen und zugreifen“, bringt es Moehring auf den Punkt.

Zugreifen – dabei hilft ihm ein Großteil des engagierten Museumsteams. Wichtiges Dokumentationsmittel ist dabei die Fotografie. Und so wurden bisher von vielen Seiten – vom Museumsleiter bis zum Hausmeister – rund 100 Fotos zusammengetragen, die das Thema Grenzschließung in Corona-Zeiten exemplarisch zeigen. Diese Fotos sowie weitere Dokumente und Objekte werden in Themenkreise unterteilt.

Ein Schwerpunkt ist dabei die Grenzsituation. Da gibt es Fotos von der bewachten Grünen Grenze, von Grenzposten, von der Situation an den Übergängen, die dicht sind – ein nie gesehenes Phänomen für die Meisten. Auch von Schweizer Seite gibt es mittlerweile Fotografien, die dank des guten Netzwerks des Museums auf Anfrage zugeschickt wurden.

Natürlich werden auch Impressionen vom abgesperrten Lindenplatz in Tüllingen, von menschenleeren Innenstädten oder geschlossenen Institutionen gesammelt.

Emotionale Fotografien

Ein anderer, sehr anrührender Schwerpunkt ist das Thema Liebesbeziehungen über Grenzen hinweg. Hier war es gar nicht so leicht, an Material heranzukommen, so Moehring. Doch der Museumsleiter durfte beispielsweise ein händchenhaltendes Paar fotografieren. Das Besondere: Der Mann aus Hauingen feierte mit seiner Basler Freundin direkt am Grenzzaun seinen Geburtstag: Händchenhalten durch den Absperrzaun.

Auch andere Paare hätten sich an der Grünen Grenze verabredet. Zusätzlich zu solch emotionalen Fotografien möchte das Museumsteam mit den Betroffenen Interviews führen und diese aufzeichnen – wertvolle Zeitdokumente, die das Thema Grenze und die Bilder dazu mit Inhalt füllen und jenseits aller politischen Entscheidungen auf eine menschliche Ebene bringen, erklärt Moehring.

Einen wichtigen Anteil an den Dokumenten haben neben den Fotos Zeitungsartikel. Zum Thema Grenze wurden aus elsässischen und Schweizer Medien sowie den hiesigen Tageszeitungen zahlreiche Artikel herausgesucht und gesammelt. Später soll eine Auswahl getroffen werden.

Die größte Herausforderung für eine Dokumentation sind indes konkrete Objekte. So hat das Museum bereits beim Werkhof angefragt, um für seine Sammlung das Schild mit der Inschrift „Grenze vorübergehend geschlossen“ zu erhalten.

Zwei besonders exemplarische Objekte konnte die stellvertretende Museumsleiterin Ulrike Konrad sichern. Dabei handelt es sich um selbst gemalte Pappschilder, die zeigen, wie sich die coronabedingten politischen Entscheidungen unmittelbar auf das Privatleben auswirken. Denn auch die Hintergrundgeschichte ist ihr bekannt: So installierte eine Familie aus Stetten, die regelmäßig auf dem Maienbühlhof auf Schweizer Seite einkauft, ein selbst gemaltes Schild an der Grüne Grenze. Darauf zu lesen: „Hallo Nachbarn! Wir vermissen Euch! Frohe Ostern.“ Bald darauf kam vom Bauernhof eine Antwort: ein großes bemaltes Osterei mit der Aufschrift: „Frohe Ostern und liebe Grüße. Die Milch wird sauer + wir auch. Nur offene Grenzen sind gute Grenzen. Wir schicken Euch ein paar Kühe, die dürfen. Stetten, wir vermissen Euch.“

Um der Trinationalität des Museums gerecht zu werden, fragte Moehring auch in Straßburg nach. Von dort erhielt er unter anderem einen Passierschein, der im coronageplagten Elsass nötig war, um das Haus zu verlassen.

Gerne nimmt das Museum auch Dokumente zur aktuellen Grenzsituation aus der Bevölkerung an. Vielleicht einen Luftballon, der als Gruß über die geschlossene Grenze geschickt wurde?

Zunächst wird das gesamte Material dokumentiert und archiviert sowie in der eigenen Datenbank digitalisiert, erklärt Ulrike Konrad. Wann es in die öffentlich zugängliche Datenbank einfließt, sei noch nicht geklärt. Durchaus vorstellbar ist, dass die Recherche in eine Ausstellung mündet. Sicher ist indes schon jetzt, dass das Thema im Lörracher Stadtbuch Raum einnehmen wird.

„Es ist keineswegs selbstverständlich, dass Grenzen offen sind“, reflektiert Markus Moehring. Es gäbe genügen Kräfte, die angesichts der Coronakrise reflexartig auf Nationalismus bauten. „Auch deshalb wollen wir zum Thema Grenze sammeln und sensibilisieren.“

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