Lörrach „Halten Sie bitte Abstand!“

Lörrach - Das Land hat weitreichende kontaktreduzierende Maßnahmen beschlossen, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verlangsamen. Diese sollten bereits am Mittwoch umgesetzt werden, doch viele Händler und Gewerbetreibende wurden darüber im Vorfeld nur durch die Medien informiert.

Viele Geschäfte müssen angesichts der neuen Regelungen (siehe separaten Bericht) ganz geschlossen bleiben, andere dürfen nur noch einen Teilbereich ihres Ladens öffnen oder haben zumindest zusätzliche Hygiene- und Abstandsvorschriften einzuhalten.

Einzelhandel
„Die Schweizer fehlen bei uns nicht so sehr, wir hatten ohnehin nicht sehr viele und die deutschen Kunden kaufen dafür um so mehr, im Einzelfall zu viel ein“, erklärt Martin Henle vom gleichnamigen Edeka-Center in Brombach. „Es gibt genug Waren, aber wenn jeder fünf bis zehn Packungen Klopapier, Mehl oder Nudeln kauft, kommen Industrie und Logistik nicht hinterher“, beschreibt Henle das Problem. Er appelliert darum an die Kunden, nur haushaltsübliche Mengen einzukaufen, dann gebe es für alle genügend Lebensmittel. Doch seine Mitarbeiter mussten sich bereits von Kunden beschimpfen lassen, weil sie diese gebeten hatten, keine größeren Mengen eines Produkts in den Wagen zu legen.

Ähnliches gelte für das Wasser: „Lieler Schlossbrunnen hat uns mitgeteilt, dass wir nur noch so viel Kisten nachbestellen können, wie wir Leergut zurückgeben. Denn es gibt zwar genug Sprudel, aber aktuell nicht genügend Behältnisse zum Abfüllen. So eine Situation entsteht sonst höchstens im Hochsommer“, sagt Henle.

Die Verordnung verpflichtet die Einzelhändler außerdem dazu, dafür zu sorgen, „dass die erforderlichen Hygienestandards, die Steuerung des Zutritts und das Vermeiden von Warteschlangen sichergestellt ist“. Darum hat Henle Plakate aufgestellt und will zusätzliche Klebemarkierungen auf dem Boden anbringen, damit die Abstände an den Theken und Kassen eingehalten werden. „Gestern musste ich außerdem eine Versammlung von Jugendlichen vor unserem Markt auflösen“, berichtet der Inhaber, offenbar hätten viele noch nicht verstanden, worauf es jetzt ankomme.

Wochenmarkt
Auch auf dem Stettener Wochenmarkt drängten sich die Leute am Mittwochvormittag. „Wir sind doch an der frischen Luft“, meinte eine Kundin. Was aber genau erlaubt ist oder nicht, wusste niemand: „Wir haben bis jetzt keinerlei Information von Seiten der Stadt bekommen. Ich glaube, die Behörden sind überfordert“, erklärte Michael Meier, Mitarbeiter der Gärtnerei Berg aus Binzen.

Hamsterkäufe waren in Stetten nicht zu beobachten, und genügend Ware war auch vorhanden. „Heute in der Früh waren sehr viele Familien mit Kindern hier“, hat Daniel Sütterlin vom gleichnamigen Familienbetrieb aus Schallbach beobachtet. Es gebe indes genug für alle: „Das Gemüse wächst ja trotz Corona weiter.“

Allerdings könnten die geschlossenen Grenzen laut Sütterlin mittelfristig zu großen Personalproblemen führen: „Im Moment helfen Freunde und die Familie aus, aber zur Hauptsaison, wenn Erdbeeren, Kirschen, Spargel und Co. reif sind, brauchen wir die Saisonarbeitskräfte unbedingt. Unser Personal sitzt jetzt jedoch beispielsweise in Rumänien fest und darf nicht ausreisen. Wenn das im Juni noch so ist, gibt es eine Katastrophe.“ Und auch sein Kollege Meier betont: „Wenn das bis zur Haupternte so bleibt, bekommen wir ein Riesenproblem.“

Restaurants/Cafés
Die Bar „Drei König“ am Alten Marktplatz und das Arber-Café am Hebelpark wurden ebenfalls nicht offiziell über die neuen Maßnahmen in Kenntnis gesetzt, sondern sie informierten sich persönlich über die Internetseiten der Stadt und des Landes. „Gestern Abend haben wir alle zehn Minuten die Seite aktualisiert, um zu erfahren, woran wir uns halten sollen“, sagt Ylbarina Nikqi vom Arber.

Beide Cafés haben Tische im Außenbereich auseinandergezogen, um den geforderten Abstand von eineinhalb Metern einzuhalten und müssen bereits um 18 Uhr schließen. Außerdem hat das Arber eine Liste ausgelegt, in die sich alle Gäste eintragen müssen, damit mögliche Infektionen zurückverfolgt werden können.

Ob diese Maßnahmen auch wirklich implementiert wurden, wurde noch nicht kontrolliert, den Betreibern ist jedoch klar, dass diese Einschränkungen die Zukunft der Cafés gefährden. „Wie lange man das durchhalten kann, weiß ich nicht. Unsere Umsätze sinken jeden Tag mehr“, sagt Driton Dizdari von der Bar Drei König. Der Wegfall der Schweizer Kunden verursache dabei den Großteil der Verluste. Nikqi denkt bereits darüber nach, den Betrieb zu schließen: „Wenn bald eine Ausgangssperre verhängt wird, lohnt es sich auch nicht mehr für uns aufzumachen.“

Apotheken
Apotheken dürfen weiterhin geöffnet bleiben, aber auch hier werden neue infektionsschützende Maßnahmen ergriffen. In der Hirsch-Apotheke sowie der Bahnhof Apotheke wurden Plexiglasscheiben als Trennwände an den Schaltern installiert. Des Weiteren werden in der Hirsch-Apotheke Hamsterkäufe von Desinfektionsmittel und Paracetamol unterbunden und Kunden darauf hingewiesen, einen Abstand von zwei Metern voneinander einzuhalten, erklärt Betreiber Birger Bär. „Wenn die Kunden sich nicht daran halten, überlegen wir sogar einen Sicherheitsdienst einzusetzen“, sagt Bär.

In der Bahnhof Apotheke markieren weiße Kreuze am Boden den Pflichtabstand in der Warteschlange. Finanziell gesehen, haben Apotheken mit die wenigsten Probleme. Während man bei der Hirsch-Apotheke lediglich „weniger Betrieb in der Fußgängerzone“ feststellt, läuft bei der Bahnhof Apotheke „alles wie gewohnt“, berichteten die Mitarbeiter.

Bestattungen
Was gestern noch galt, kann heute schon überholt sein: Am Montag konnten Beerdigungen noch mit maximal 50 Anwesenden durchgeführt werden (wir berichteten), das ist jetzt nicht mehr gültig. „Wir haben aber morgen Bestattungen, zu denen am Samstag in der Anzeige noch öffentlich eingeladen wurde“, erklärt Hans Bieg. Er musste nun die Angehörigen darüber informieren, dass aktuell nur im engsten Familienkreis Abschied genommen werden dürfe. „Wenn man es den Menschen erklärt, zeigen sie aber Verständnis dafür“, sagt Bieg. Den meist zahlreichen älteren Menschen werde grundsätzlich zur Anteilnahme per Telefon oder Karte geraten, anstatt persönlich der Trauerfeier beizuwohnen.

Fahrradgeschäfte
Dürfen Fahrradgeschäfte trotz der neuen Verordnung öffnen oder nicht? Darüber herrschte am Mittwoch bei den hiesigen Veloläden Unklarheit. „Die Stadt hat es nicht fertig bekommen, eine Info dazu auf ihre Homepage zu stellen. Außerdem habe ich bereits am Dienstagmorgen per E-Mail angefragt und keine Antwort bekommen“, kritisiert Andreas Bieg vom gleichnamigen Radgeschäft wütend.

Er vertraute darum auf eine entsprechenden Hinweis der Einkaufsgemeinschaft ZEG und öffnete lediglich den Werkstattbereich. Schließlich benötigten Berufspendler ein funktionstüchtiges Rad, zumal wenn diese möglichst nicht den ÖPNV nutzen sollten. Kunden müssen jedoch klingeln und dürfen nur einzeln eintreten. „Wir haben uns mit Andi Wochner von Follow me abgesprochen, die machen das auch so“, erklärt Bieg. Und auch bei der „Speiche“ in der Tumringer Straße wurde der Verkauf am Vormittag eingestellt und nur die Werkstatt blieb geöffnet.

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