Lörrach Handel verhalten optimistisch

Lörrach - Ein Tag wie Weihnachten? Nicht ganz. Mit vorsichtigem Optimismus ging der Lörracher Einzelhandel am Montag den ersten Öffnungstag seit der coronabedingten Schließung an. Zumindest am Vormittag herrscht in der Innenstadt Belebung – ohne Massenansturm. Ein Rundgang.

Zufrieden schleckt eine Passantin auf dem Marktplatz an ihrem ersten Eisbecher seit Wochen. „Ein bisschen Bummeln muss sein“, lacht die Lörracherin, „bei dem Wetter!“ Ohne Angst, aber mit Vorsicht, ergänzt sie. Gegenüber begrüßen sich zwei Senioren, indem sie ihre Krücken aneinander klopfen – Abstandspflicht macht eben erfinderisch.

Neben den großen Geschäften haben auch einige kleinere Läden geschlossen. Nicht so Samantha Fazio und Reza Rahimi, die erst im Januar ihr Schmuckgeschäft eröffnet hatten. Bald darauf kam die erzwungene Schließung – ein harter Schlag. Jetzt sind sie optimistisch und bestens präpariert. Selbstgenähte Masken, ein Spuckschutz an der Theke, der gerade noch rechtzeitig eingetroffen ist, Desinfektionsmittel für die Kunden, abgeklebte Beratungsbereiche. Gearbeitet wird maximal zu dritt in Notbesetzung. „Das fühlt sich heute wie eine Neueröffnung an“, freut sich Rahimi. Beide sind stolz auf den Zusammenhalt im Team. „Wir hoffen natürlich, dass die Lörracher gerade jetzt den lokalen Handel unterstützen“, ergänzt seine Partnerin. Nun hoffen beide auf eine Belebung des Geschäfts, wobei die derzeit noch geschlossene Grenze einen Einschnitt bedeute – bei 50 Prozent Schweizer Kundschaft. „Zum Glück wollen die Menschen weiterhin heiraten oder haben es getan und wollen bald nachfeiern – mit Trauringen.“

Ein Corona-Dankeschön mit zehn Prozent Rabatt bis 23. Mai in allen Filialen bietet Courage-Moden an. „Wir wollen unseren Kunden damit signalisieren, dass wir uns auf sie freuen“, sagt Inhaberin Antje Porombka. Grundsätzlich müsse man im Geschäftsleben optimistisch sein. Ihre Erwartungen an die Kundenfrequenz in der nächsten Zeit ist indes verhalten. Die Hygiene-Vorschriften werden in ihrem Geschäft natürlich eingehalten: „Die Kundinnen reagieren sehr vernünftig“, sagt sie.

Eine besondere Aktion läuft auch beim Schuhhaus Ströber. Inhaberin Ingrid Dehn hat einen rabattierten Sonderverkauf gestartet. Das reduzierte Verkaufsteam ist mit selbst genähten Schutzmasken beratend vor Ort, Desinfektionsspray steht bereit, Mundschutz für Kunden ist bestellt. Maximal zehn Kunden werden eingelassen, Schilder weisen über all auf die Abstandsregelung hin. „Die meisten haben Geduld und Disziplin“, sagt Dehn. Sie hat aber auch schon Kundschaft erlebt, die behauptete, die ganze „Corona-Hysterie“ sei nur inszeniert. Vorsichtig optimistisch hofft auch sie auf eine Normalisierung der Situation.

„Die Lage ist bedrohlich. Es geht an die Existenz“, sagt Gabriela Mischkofsky von Leder Ruser. Online sei wenig gelaufen, das Koffer-Geschäft für dieses Jahr angesichts der Reiseeinschränkungen tot. Jetzt muss die eingekaufte Ware weg, vor allem auch die Schulranzen. Auch darum wird es diese Woche einen Lagerräumungsverkauf geben. Reagiert haben sie und ihr Mann mit der Umsetzung aller Hygienevorschriften sowie Kurzarbeit. Für die Zukunft bleibt sie jedoch skeptisch: „Solange es keinen Impfstoff gibt, werden wir das frühere Niveau nicht erreichen können.“

Recht vergnügt probieren ein paar Schritte weiter zwei Kundinnen bei Klauser Pelz und Leder verschiedene Sonnenhutmodelle auf. Peter Kischnick ist erfreut, dass bereits kurz nach Ladenöffnung um 9 Uhr die ersten Kunden kamen. Dennoch fehlen ihm und seiner Frau Monika Klauser-Kischnick die Umsätze der vergangenen Wochen – trotz Online-Handel. Aufgrund der aktuellen Stundung von Abgaben und Mietreduktionen werde das Ganze finanziell erst so richtig im Herbst durschlagen, gerade dann, wenn die teurere Ware in den Laden kommt – und finanziert werden muss, erzählt Kischnick. Auch hier fehle die eidgenössische Kundschaft. „Ohne Schweizer geht in Lörrach auf Dauer gar nichts. Das gilt für den gesamten Einzelhandel.“

Toll funktioniert habe bereits während der Schließung die Abholstation bei der Buchhandlung Osiander, erzählt Filialleiterin Monika Franz-Gehlert. Sie startet aktuell mit Minimalbesetzung und lobt die einsichtigen und vorsichtigen Kunden, die zielgerichtet einkauften, ohne langes Bummeln und Verweilen. „Das Buch ist wichtiger denn je. Das merken jetzt viele Menschen, da sie mehr Zeit haben.“ Schutzmaßnahmen wurden installiert. „Falls der Andrang zu groß wird, postieren wir am Eingang eine Mitarbeiterin.“

Nach Grußkarten stöbert die junge Mutter Tanja: Sie ist erfreut über die Ladenöffnungen. Dennoch hat sie auch gemischte Gefühle, „gerade mit einem kleinen Kind“. Sie erledigt in der Stadt nur nötige Besorgungen. Und kauft jetzt eben ein paar Grußkarten: „Wenn ich meine Freunde schon nicht besuchen darf.“

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