Von Willi Vogl Lörrach. Geschosse fliegen in den Zuschauerraum, ein freigeschwungenes Seil mäht beinahe die Köpfe der Zuschauer in den vorderen Reihen ab. Nein, wir befinden uns nicht im Training eines Kampfsportvereins. Eher schon könnte man die Zirkusshow von Adrian Schwarzstein und Sergi Estebanell als eine Art heiteres Anti-Aggressions-Training bezeichnen. Die Geschosse waren Knabbereien, und das Seil wurde zur Jonglage benötigt. „Call me Maria“ nennen die beiden Autoren die aktuelle Produktion ihrer Obsidiana Kompanie mit humorvoller Artistik und clownesker Jonglage. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Fünfziger Jahre. Manolos Bar in Barcelona. Die Gäste diskutieren mit allem gebotenen Ernst eine Fußballübertragung im Radio. Der schmierige Barbesitzer ist schlecht gelaunt. Zwei amerikanische Matrosen mischen die bis dahin spanisch anmutende Kommunikation der Truppe nicht nur mit ihrem Verhalten und Aussehen, sondern auch mit der mitgebrachten Musik gehörig auf. Mädchen in Petticoats, Jungs mit gegelten Haartollen und Rock‘n’Roll machten die Fünfziger lebendig. Die bunten und detailverliebten Barrequisiten sowie die fröhlich abwechslungsreich kostümierten Akteure sorgten für nostalgisches Kolorit. Wenn­gleich die Handlung in Barcelona angesiedelt ist, der Barbesitzer Manolo somit das Publikum auf Spanisch animiert und die Matrosen amerikanische Wortwitz miteinbrachten, wäre die Show über weite Strecken auch ohne Sprache ausgekommen. Die am Slapstick geschulten Akteure verstanden es, mit souverän übertriebener Mimik und Gestik eine Komik zu erzeugen, wie man sie bei Buster Keaton oder Charly Chaplin kennt. Allen voran beeindruckte Barbesitzer Manolo in einer schenkelklopfenden Mischung aus „Dummer August“ und schrulliger Conférencier. Kraftstrotzende Akrobatik auf einer Pyramide von Stühlen, leichtschwebende Luftakrobatik auf einem hängenden Ring oder tanzanimiert mit einem Riesenrad am Boden zeigten sich zwar als vertraute Elemente des Varietés, konnten jedoch in der humorvollen Präsentation der Obsidiana Kompanie sogar von einem zirkusfernen Publikum als äußerst kurzweilige Unterhaltung wahrgenommen werden. Bewunderung und Schmunzeln rief auch die schlitzohrige Jonglage mit Schnur und drei Rollen eines der beiden Matrosen hervor. Elegante Übergänge zwischen beschwipst komischen Tanznummern und kraftstrotzenden und dennoch anmutig wirkenden Akrobatiknummern entstanden immer wieder durch souverän präsentierte Sketsche. Da wurde das Publikum im Zuschauerraum mit Knabbereien zu mundschnappenden Halsverrenkungen animiert oder mit einem zwischen die Stuhlreihen geschossenen Fußball aus der Rolle des bloßen Zuschauers geholt. Ein sportlich wirkender Mann aus dem Publikum wurde gar gebeten, Manolo beim Klettern auf der Stange behilflich zu sein. Sein Versuch ihn am Allerwertesten hochzuschieben wurde jedoch von den Akteuren zur Belustigung des Publikums als unlauterer Versuch geächtet, mit dem Wirt anzubändeln. Schließlich war dies ein Tabubruch in einer „katholischen“ Kneipe, in der Maria, die Gottesmutter, als Statue auf der Theke über die Moral wachte. Keinen Tabubruch jedoch begann die Truppe mit ihrer Neuinterpretation von vertrauten Unterhaltungsmomenten aus dem Zirkus. Temporeich präsentiert und heftig beklatscht.