Wer im Freundeskreis häusliche Gewalt vermutet, braucht Mut, um sich in die Privatangelegenheiten der Betroffenen einzumischen. Die Zuschauer des interaktiven Theaterstücks „Eine gewaltige Überraschung“ hatten am Freitagabend Gelegenheit, dies in einem geschützten Rahmen zu üben.

Von Markus Greiß

Lörrach. Im Freien Theater Tempus fugit inszenierte das Ensemble der Theaterfalle Basel eine langsam eskalierende Situation. In einem zweiten Durchlauf wurde dieselbe Situation nochmals gespielt – nur konnte das Publikum nun aktiv in das Bühnengeschehen eingreifen.

Die Handlung: In der Umkleidekabine eines Fitnessstudios entdecken Tanja (Marie-Luise Heusemann) und Beate (Ann Kleemann) blaue Flecken an den Oberarmen ihrer Freundin Rebecca (Sabine Fehr), die sie mit einem Fahrradunfall erklärt.

Ihr Mann Admir (Ritvan Murati) ist in letzter Zeit gestresst und gereizt. Bei einem spontan organisierten Geburtstagsfest scheint alles auf einen Gewaltausbruch Admirs hinzulaufen. Auch die Beschwichtigungen der Frohnatur Steve (Rolf Brügger) entschärfen die Situation nicht. Doch schließlich kommt es zur Überraschung: Nicht Rebecca wird von Admir geschlagen, sondern Beate von deren smartem Partner Frank (Martin Hahnemann). Dann zerrt Frank Beate von der Feier weg.

Das Stück endete hier, und die Moderatorin Ruth Widmer trat auf den Plan. Sie ermutigte das Publikum, die Handlung im zweiten Durchlauf mehrfach zu stoppen und in die handelnden Personen „hineinzuschauen“. Auf Zuruf äußerten diese ihre Gefühle, und es wurde deutlich: Beate wird seit langem von Frank misshandelt, bleibt aber in der Beziehung gefangen. Frank ist innerlich ein Häufchen Elend und will Beate mit Gewalt an sich binden. Und Admir hat Rebecca tatsächlich nicht geschlagen.

Nun legte das Publikum den Schauspielern eigene Sätze in den Mund und veränderte so den Handlungsablauf. Die Zuschauer übten, wie sich die Gewaltvermutung gegenüber Admir sinnvoll aussprechen lässt und erlebten, wie sich die Äußerungen auf die handelnden Personen auswirkten. Schließlich schafften sie es, durch ihre Interventionen den gewalttätigen Frank und seine Partnerin Beate am Gehen zu hindern.

Das Theaterstück war die vorletzte Veranstaltung der Reihe, die das Autonome Frauenhaus Lörrach zu ihrem 33-jährigen Bestehen ins Leben gerufen hat. Im Gespräch freuten sich Doris Sicklinger und Martina Kopf vom Frauenhaus über den gut besuchten Theaterabend.

Sie bedauerten indes, dass am Donnerstag nur wenige Interessierte zur Eröffnung der Fotoausstellung „Auf der Schwelle – Leben im Frauenhaus“ sowie zur Lesung „Und er wird es wieder tun“ gekommen waren.