Die Umstellung auf ein Leben im Rollstuhl ist schwer. Erst recht, wenn manche Hilfsmittel und Erleichterungen unerreichbar scheinen. „Es geht ja nicht nur mir so“, meint die Lörracherin Barbara Siegel und hat uns deshalb ihre Geschichte erzählt.

Von Veronika Zettler

Lörrach. „Einmal um den Hausblock“, sagt Barbara Siegel. Damit sei der Bewegungsradius erschöpft. Zumindest mit dem herkömmlichen Rollstuhl. Ein Ausflug ins nah gelegene Grütt oder gar in die Innenstadt ist wegen der Bordsteinkanten, Schwellen und Unebenheiten ohne die Hilfe einer weiteren Person nicht machbar. Gerade aber das wünscht sie sich: Kleine, selbstständige Touren. Mal in die Stadt fahren, einen Kaffee trinken, etwas einkaufen. Ein Stückchen Freiheit.

Möglich wäre es. Barbara Siegel hat verschiedene Rollstuhlvarianten ausprobiert und festgestellt, dass sie mit einem sogenannten Handbike die Hindernisse überwinden kann. „Das war Freiheit pur“, erinnert sich die Friseurmeisterin an das Osterwochenende, an dem sie das Handbike testen konnte.

Ein Handbike ist ein Handfahrrad, das in diesem Fall vorne am Rollstuhl montiert wird. Das große Rad, per Handkurbel angetrieben, bewältigt Hindernisse leichter als die kleinen Vorderräder des Rollstuhls. Allein: Die Krankenkasse bezahlt es nicht. Der Preis für ein Modell inklusive elektrischer Unterstützung, Zubehör und Mehrwertsteuer beläuft sich laut Kostenvoranschlag eines Sanitätshauses auf 6 880 Euro.

In ihrem Bescheid vom März schreibt die IKK Classic, die Rechtsprechung habe „das Grundbedürfnis der Erschließung eines gewissen körperlichen Freiraums nicht im Sinne des vollständigen Gleichziehens mit den letztlich unbegrenzten Mobilitätsmöglichkeiten des Gesunden verstanden. Dabei wurde die Bewegungsfreiheit lediglich in Bezug auf diejenigen Entfernungen als Grundbedürfnis bejaht, die ein Gesunder üblicherweise zu Fuß zurücklegt.“

Aber läuft ein Gesunder üblicherweise nur ums Haus? Auf Nachfrage unserer Zeitung teilt die Kasse mit, sie müsse sich einerseits auf die herrschende Gesetzeslage und Gerichtsurteile, zum anderen „auf die fundierten Urteile des MDK“ (Medizinischer Dienst der Krankenkasse, Anm. d. Red.) stützen. Der MDK wiederum empfiehlt Barbara Siegel einen elektrischen Zusatzantrieb für den Rollstuhl oder einen Restkraftverstärker.

„Das bringt mir überhaupt nichts“, schüttelt Barbara Siegel den Kopf, „damit komme ich genauso wenig über Bürgersteige“. Nachgehakt bei der Krankenkasse, heißt es in der schriftlichen Antwort nochmals: „Der Beratungsarzt des MDK hält einen solchen Zusatzantrieb für die Verbesserung von Frau Siegels Mobilität für geeignet“.

Immerhin, eine Verbesserung der Mobilität scheint demnach doch wünschenswert. Aber eben nicht mit einem Handbike, das, wie die Krankenkasse im Januar schrieb, einen Radius ermögliche, „der dem eines Fahrradfahrers oder Joggers entspricht“.

„Ich bin langsam verzweifelt“, sagt Barbara Siegel, mehrere Bescheide vor sich ausbreitend. Seit zweieinhalb Jahren sitzt sie im Rollstuhl. Der 18. Januar 2016 ist ihr noch gut in Erinnerung. Beim Freikratzen der Autoscheiben sei ihr unwohl geworden. Zurück in der Wohnung, spürte sie ein Taubheitsgefühl in den Beinen und Atemnot. Den Notarzt konnte sie gerade noch verständigen. Zu sich gekommen ist die bis dahin vielseitig aktive Friseurmeisterin erst wieder auf der Intensivstation im Herzzentrum in Bad Krozingen. Die Diagnose: eine Aortendissektion, ein Riss in der Hauptschlagader, mit Einblutungen ins Rückenmark. Eine Querschnittlähmung war die Folge.

Nicht mehr laufen zu können, den Job, die Wohnung, die Eigenständigkeit aufgeben zu müssen, das war schwer für die heute 57-Jährige. Aktuell bewohnt sie ein Zimmer mit Kochnische in der betreuten Wohnanlage am Karl-Herbster Platz. „Vorläufig“, hofft sie, und sucht weiter nach einer rollstuhlgerechten Zwei-Zimmer-Wohnung.

Dass die Krankenkasse für das Handbike nicht aufkommen will oder kann, macht sie ratlos: „Wenn im Fernsehen mal wieder alle betonen, wie wichtig Teilhabe ist, schalte ich ab“.