Lörrach „Ich denke, wir schaffen das“

Gabriele Hauger
Die beiden Frauen aus Afrika sind in Deutschland angekommen. Foto: Gabriele Hauger

Lörrach - Die Dauerpräsenz des Flüchtlingsthemas in Medien und Gesellschaft hat nachgelassen. Was aber ist aus den vielen Geflüchteten geworden? Wie haben sie sich integriert? Nicht alle Biografien entwickeln sich positiv. Wir haben mit zwei jungen Frauen gesprochen, die ihr Schicksal im Landkreis meistern.
Sie sitzen ein wenig aufgeregt im Besprechungsraum des Bildungsinstituts ifas. Helen Tekleberhan, 25 Jahre alt, floh vor vier Jahren aus Eritrea. Auf der Flucht erlebte sie Traumatisches. Neben ihr strahlt die selbstbewusste 35-jährige Precious Reuben Uwadiae aus Nigeria. In Europa ist sie schon seit 2009, lebte lange in Italien. Beide sind in Deutschland angekommen. Im Sommer wollen sie ihren Hauptschulabschluss machen. Nach niederschwelligem Vorkurs, Alphabetisierungsmaßnahmen, Frauenintegrationskurs und dem Kurs Grundkompetenzen laufen sie nun auf der Zielgeraden ein. Ein entscheidender Schritt. Denn: Bildung sowie Arbeit sind zweifellos die entscheidenden Kriterien für gelingende Integration – ein steiniger Weg, auf dem Viele scheitern.

Die Kurse haben die beiden jungen Frauen bei ifas, Dienstleister für Bildung und Arbeit absolviert, finanziert von Jobcenter und Arbeitsagentur beziehungsweise Bamf. „Bei Flüchtlingen muss schnell und frühzeitig in die Bildung eingestiegen werden. Erst dann ist es für die Menschen möglich, auch beruflich durchzustarten“, sagt Ninja Wildemann, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt vom Jobcenter. „Die beiden sind ein tolles Beispiel. Davon hätten wir gerne mehr.“

Frauen haben sich weiterentwickelt

Ihr ist aber auch klar, dass nicht alle Flüchtlinge die Voraussetzungen, die Willenskraft und die Stärke haben, konsequent in die Weiterbildung einzusteigen. Die beiden Afrikanerinnen haben dies geschafft, obwohl oder vielleicht auch weil sie beide kleine Kinder haben. Wichtige Voraussetzung für gelingendes Lernen war die Möglichkeit, dass diese vor Ort im Institut betreut werden konnten, erklärt die pädagogische Leiterin Claudia Lindner. Sie ist überzeugt, dass die beiden es schaffen. „Es ist unglaublich, wie die beiden Frauen sich weiterentwickelt haben.“

Die traumatisierte Eritreerin war zunächst extrem schüchtern. Jetzt peilt sie aber zielstrebig ihren Abschluss und eine anschließende Ausbildung möglichst im Einzelhandel an. Einen Führerschein will sie auch machen. Und sie ist dankbar, dass sie in hier in einer Demokratie leben kann. „In meiner Heimat ist seit 40 Jahren Diktatur. “ Helen hat Entsetzliches erlebt. Nur stockend kann sie über ihre Flucht berichten, Tränen fließen. Mit ihrem jüngeren Bruder und ihrer Freundin floh sie in einer Nacht- und Nebelaktion zunächst nach Äthiopien, dann nach Libyen, Italien und Deutschland. Sie hat wohl all das durchgemacht, was wir in vielen erschütternden Fernsehdokus erfahren müssen. Ihre Freundin starb in der Sahara. Sie selbst hat eine schmerzende Narbe von einer schweren Verletzung, über deren Entstehung sie nichts erzählen will. Man kann nur ahnen, welche Kraft es brauchte, alleinerziehend dennoch den lernintensiven Bildungsweg konsequent zu verfolgen. Ihr Bruder hat mittlerweile einen Ausbildungsplatz in der Baubranche. Sie selbst wohnt inzwischen privat in Stetten. Ihr kleiner Sohn ist im Kindergarten und offensichtlich ein aufgeweckter Sonnenschein. Und er wehrt sich selbstbewusst, wenn er mal von anderen Kindern wegen seiner dunklen Hautfarbe gehänselt wird, erzählt die stolze Mutter.

Ebenso wie Precious Uwadiae aus Nigeria ist sie begeistert von ihrem aktuellen Lehrer, der sie auf den Hauptabschluss vorbereitet. Der Unterricht ist berufsorientiert. Er beinhaltet beispielsweise kaufmännisches Rechnen, baut auf Texten zum Arbeitsbereich auf und thematisiert Wirtschaft sowie EDV-Kenntnisse, erläutert Dozent Martin Kumbartzky. „Die beiden haben sehr realistische Berufswünsche. Ich bin zuversichtlich, dass das klappt“.

Eher Probleme mit anderen Ausländern

Beide Frauen wollen in den kaufmännischen Bereich, Precious tendiert zu Büro oder Einzelhandel. Über die Vergangenheit möchte sie nicht viel reden. Lieber schaut sie nach vorne. Derzeit lebt sie mit ihrer vierjährigen Tochter in Binzen. Und sie ist dankbar für ihre Chance. „Alles, was ich gelernt habe, habe ich hier gelernt“, sagt sie. In ihrer Heimat besuchte sie lediglich fünf Jahre lang eine Schule. „Ich konnte nicht rechnen, nicht richtig schreiben“, erzählt sie. Jetzt denkt sie schon daran, dass ihre Tochter einmal einen guten Schulabschluss machen soll – mindestens Realschule. „Wir schaffen das“, sagt sie und strahlt ihre Mitschülerin an.

Beide finden es toll, dass in ihrer neuen Heimat Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Auf Ablehnung bei Deutschen ist Precious bisher nicht gestoßen. „Wenn, dann gab es eher Probleme mit anderen Ausländern“, sagt sie. Wie schön und sauber hier alles ist, darüber staunen beide Frauen immer noch.

Im März werden sie fünf Wochen lang ein Praktikum absolvieren, derzeit laufen ihre Bewerbungen. Beide glauben an ihren Abschluss. Für die beiden Alleinerziehenden ist es allerdings nicht leicht, eine Teilzeit-Ausbildungsstelle zu bekommen, weiß Ninja Wildemann. Hier stehe das Jobcenter den Suchenden hilfreich zur Seite.

Von den ersten reinen Frauen-Kursen bis zum regulären Hauptschulabschluss, hin zur Berufsausbildung: Wenn dieser Bildungsweg funktioniert, kann Integration gelingen. „Aber man darf nicht vergessen: Es ist ein schwerer und langer Weg, den die Geflüchteten mit viel Konsequenz und starkem Willen gehen müssen“, so Wildemann. Ein Weg, der keineswegs immer zum Erfolg führt. Bei Helen und Precious stehen die Chancen gut.

Umfrage

Nancy Faeser

Bundesinnenministerin Nancy Faeser will das Staatsbürgerschaftsrecht reformieren. Was halten Sie von den Plänen, die Hürden für eine Einbürgerung zu senken?

Ergebnis anzeigen
loading