Lörrach „Ich hab’mich hier wiedergefunden“

Von Bernhard Konrad

Lörrach. Wohnen in Lörrach ist teuer – vor allem für Normalverdiener. Die Projektkommission „Wohnraumentwicklung 2020 Plus“ beschäftigt sich deshalb seit kurzem mit Fragen rund um dieses facettenreiche Thema. Flankierend hierzu macht unsere Redaktion „Wohnen in Lörrach“ unter ganz unterschiedlichen Perspektiven zum diesjährigen Schwerpunktthema. Im Mittelpunkt steht heute Paul Keller* (sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt). Er wurde obdachlos und lebt nun im Erich-Reisch-Haus. Seine Geschichte zeigt: Der Weg aus der Mitte an den Rand der Gesellschaft ist kürzer geworden.

Paul Keller lebte in bescheidenen Verhältnissen, aber mit seiner kleinen Rente kam der ehemalige Kfz-Mechaniker über die Runden. Den Kredit für die Küchengeräte werde er schon abstottern, da war er eigentlich sicher – aber Paul Keller musste nach und nach erkennen, dass er von diesen Schulden nicht mehr runterkommt. Alkohol, so betont er, war nicht im Spiel.

Mit dem Druck wuchs die Angst, irgendwann hat er die Post nicht mehr geöffnet: jeder Brief eine Bedrohung. Er verlor den Halt, kam in Verzug, konnte auch andere finanzielle Verpflichtungen nicht mehr bedienen, blieb die Miete schuldig. Die Folgen: Sein Konto wurde gepfändet, am Ende wurde die Zwangsräumung vollzogen. Paul Keller stand auf der Straße.

Eineinhalb Monate hat er im Auto gelebt – „kalt war’s“, sagt er. Tagsüber hat er Flaschen gesammelt, nach ein paar Wochen erzählten ihm Bekannte vom Erich-Reisch-Haus. Dort lebt er seit Ende Oktober des vergangenen Jahres.

Paul Keller nippt am Kaffee, wacher Blick, freundliche, aufgeräumte Ausstrahlung, adrettes Hemd: Der Mann würde als langjähriger Vorsitzender eines größeren Lörracher Vereins durchgehen. Es geht ihm wieder besser. „Ich wollte wegrennen, aber das kann man nicht. Es holt einen immer wieder ein. Man rechnet und rechnet, aber es entgleitet einem.“ Er habe es auch seiner Freundin zu verdanken, dass er sich so gut gefangen hat. Sie wohnt im Raum Freiburg, hat selbst nicht viel Geld und Wohnraum, aber sie gibt ihm Stabilität. Das Erich-Reisch-Haus ist seine zweite Stütze: „Ich hab’ mich hier wieder selbst gefunden.“ Paul Keller zahlt auch im Erich-Reisch-Haus einen Kostenbeitrag, ähnlich wie Miete, aber die regelmäßigen Mahlzeiten, ein eigenes kleines Zimmer, Gespräche mit anderen Mitbewohnern und die Hilfestellungen von Fachleuten der Einrichtung bedeuten „einen großen Gewinn an Lebensqualität.“

Er übernahm rasch den Job als Pförtner im Haus, so hat er regelmäßig Kontakt zu den Leuten, kann kleine Hilfestellungen leisten, gibt dem Tag Sinn und Struktur. „Es freut mich, wenn ich das Gefühl habe, helfen zu können. Ich fühle mich hier wohl, aber nicht entmündigt“, sagt er.

Mit den Mitbewohnern verstehe er sich gut. Freilich sei bei manchem Alkoholismus ein Thema, aber er habe sich noch nie bedroht gefühlt. Obdachlosigkeit hat viele Ursachen und Folgen, die Geschichten der jungen Leute berühren ihn. „Ich hab den Eindruck, in solch einer Situation suchen sich die Jugend und die Alten wieder. Das Schicksal verbindet.“

Die gemeinsame Suche nach einer neuen, finanzierbaren Wohnung ist eine der Schlüsselaufgaben der Experten im Erich-Reisch-Haus. „Meistens klappt das“, sagt Stefan Heinz, Leiter der Einrichtung. Gleichwohl betont er, dass „im Bereich des sozialen Wohnungsbaus wieder viel mehr passieren muss“ – gerade auf einem Markt wie in und um Lörrach. Nicht nur für besondere Bedarfsgruppen wie Wohnungslose fehlten kleine, angemessene Wohnungen. Freilich verfüge die Lörracher Wohnbau über viele Hartz IV-fähige Wohnungen, aber, so Heinz: „Schauen Sie sich die Wartelisten an...“

Die Verweildauer der Bewohner im Erich-Reisch-Haus ist ganz unterschiedlich, von einigen Tagen oder Wochen bis zu zwei, drei Jahren in Einzelfällen. Das Haus will für Obdachlose nicht Endstation, sondern Ausgangspunkt für einen Neuanfang sein. Hierfür bieten die Mitarbeiter professionelle Unterstützung auf vielen Feldern.

Die Gemeinschaft in der Wohngruppe in diesem, so Heinz, „Mehr-Generationen-Multi-Kulti-Haus“ empfänden viele als bereichernd, denn der Weg in die Obdachlosigkeit sei oft mit Einsamkeit verbunden. „Das Klischee, Obdachlose sind so oder so, stimmt nicht. Jeder hat seine eigene Geschichte“, sagt Heinz. Früher sei das soziale Netz „etwas engmaschiger“ gewesen. Mittlerweile seien zunehmend Menschen, „die ein ganz normales Leben gelebt haben“ vergleichsweise rasch von Obdachlosigkeit bedroht – sei es durch Krankheit, familiären Umbruch wie Scheidung oder Arbeitslosigkeit. Zudem arbeiteten immer mehr Menschen in gering bezahlten, befristeten Verhältnissen. Heinz: „Heute kann der Weg rascher und geradliniger aus der Arbeit in die Armut führen.“

So wohl er sich im Haus fühlt, weiß auch Paul Keller, dass dies kein Zustand auf Dauer sein kann. Aber vielleicht eine Brücke zu einem neuen Lebensabschnitt. Sein größter Wunsch ist es, in eine finanzierbare Form des betreuten Wohnens ziehen zu können – die Chancen, so sagt er, stünden nicht schlecht.

So oder so sei ihm aber eines wichtig: „Den Job als Pförtner im Erich-Reisch-Haus, den möcht’ ich auch in Zukunft weitermachen.“

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