Lörrach/Riehen - Die Reihe „Wintergäste reloaded“ ist eine grenzüberschreitende Koproduktion des Werkraums Schöpflin (Lörrach) und des Vereins Wintergäste (Basel). „Im Osten geht die Sonne auf“ lautet das Thema der Spielzeit vom 13. Januar bis 10. Februar. Texte von Christa Wolf, Nikolai Gogol, Olga Grjasnowa, Joseph Roth, Daniil Charms und Stanislaw Lem werden an vier Spielorten in Deutschland und in der Schweiz als szenische Lesungen aufgeführt.

„Im Osten geht die Sonne auf… im Westen wird sie untergehen?“ Dieser Titel bietet großen Spielraum für Interpretationen. In diesem Jahr wenden sich die Wintergäste gen Osten, nachdem sie 2018 einige literarische Kostproben des „anderen Amerika“ auf die Lesebühnen der Region gebracht hatten.

Wie im Kinderreim wird in dieser Spielzeit auf das Gegenüber geschaut. Die Region der ehemaligen Sowjetunion, die so viel mehr ist als nur Russland. Begonnen wird mit der ehemaligen DDR, die vor dem Fall des eisernen Vorhangs genauso zum Osten zählte. Die szenische Lesung aus Christa Wolfs Bearbeitung des klassischen Medea-Stoffs (13. Januar), eine radikale Korrektur des Mythos, setzt ein Ausrufungszeichen mit sechs Stimmen, die anecken.

Mit Nikolai Gogol wird sodann der einzige „klassische“ russische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts mit seinen „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ (20. Januar) präsentiert, tragisch und voller Komik zugleich.

Die junge Autorin Olga Grjasnowa, 1984 in Aserbaidschan geboren, lebt heute in Berlin, schreibt konsequent auf Deutsch und hat mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (24. Januar) ein furioses Romandebüt vorgelegt. Selbstironisch erzählt sie die Geschichte einer Familie, die aus Baku in eine deutsche Kleinstadt übersiedelt.

Das Thema erlaubt einmal mehr, auch Joseph Roth – diesmal mit „Das falsche Gewicht“ (27. Januar) – in die Wintergäste-Serie aufzunehmen. Sein Protagonist ist ein königlicher Soldat, der, in die Provinz versetzt, Eichmeister wird.

Science-Fiction-Roman „Solaris“ als Premiere

Eine Premiere erleben die Wintergäste schließlich mit Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman „Solaris“ (10. Februar) – ein Philosophieren darüber, wie wir eigentlich mit außerirdischem Leben kommunizieren wollen: Wir suchen nach dem Anderen und finden doch immer nur uns selbst.

Die Carte blanche 2019 (7. Februar) der Wintergäste geht an den jungen Dramaturgen Yannick Zürcher, der sich mit Texten des Surrealisten Daniil Charms unter dem Titel „Jelisaweta. Bam. Dialogisches. Fetzen“ mit drei Sprecher auseinandersetzen wird.

Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ zum Auftakt liest sich wie ein spannender Politthriller. Sechs Stimmen erzählen aus sechs verschiedenen Perspektiven. Wenn der Medea-Mythos heute aktuell scheint, dann im Licht der Wolf’schen Neudeutung. Sie unternimmt eine radikale Korrektur des gängigen Medea-Bildes. Erst seit Euripides, vorher nicht, ist Medea die blutrünstige Furie, die ihre Kinder mordet.

Wolf fragt nach der Deutungshoheit über Geschichte – und danach, wessen Interesse es ist, die „wilde Frau“ als Mörderin hinzustellen: „Mein Schreibmotiv für Medea war, die Frage nach den selbstzerstörerischen Tendenzen unserer abendländischen Zivilisation, die umso verhängnisvoller werden, je mehr wir unsere Vernichtungswaffen vervollkommnen. Wenn unsere Kultur in Krisen gerät, fällt sie immer wieder auf das gleiche Verhalten zurück: die Schuld bei Außenseitern suchen, diese ausgrenzen, sie zu Sündenböcken stempeln.“