Lörrach Immer schneller, besser, mehr?

Gabriele Hauger
Hartmut Rosa: „Wir brauchen ein anderes Weltverhältnis, eine andere Existenzform, wenn wir die Krisen überwinden wollen.“                                        Foto: Jürgen Bauer

Lörrach - „Mensch sein und bleiben in modernen Zeiten“ – so lautet der Titel einer ambitionierten Reihe in der Lörracher Stadtbibliothek. In deren Rahmen findet am Donnerstag, 24. September, eine Autorenbegegnung mit Hartmut Rosa unter dem Titel „Unverfügbarkeit“ statt. Sie ist ausverkauft.

Es ist nicht nur die fortschreitende Digitalisierung, die vielen Menschen Unbehagen bereitet. Die moderne Welt, all die Widersprüche in denen wir leben, Herausforderungen wie Klimaerwärmung, Gefährdung der Demokratie oder Flüchtlingsthematik – bei Vielen herrscht Nachdenklichkeit, besteht Redebedarf. Rosa setzt gegen eine wachsende Entfremdung zwischen Mensch und Welt die „Resonanz“. Zu seinen Thesen befragte ihn Gabriele Hauger.

Herr Rosa, woran machen Sie die zunehmende Entfremdung zwischen dem Menschen und der modernen Welt fest?

Ich würde sie an dem Umstand festmachen, dass sich unter den Menschen in modernen Gesellschaften offenbar immer mehr Wut und Frustration aufstaut und beobachten lässt, die gar keine klare Ursache zu haben scheint. Worauf sind die Wutbürger denn so wütend?

Es scheint eine Art impliziten Konsens darüber zu geben, dass es so, wie es gesellschaftlich läuft, nicht mehr lange weitergehen kann: Auf der ökologischen Ebene, weil wir die Natur ruinieren, auf der politischen Ebene, weil wir den politisch Andersdenkenden zunehmend als Feind, als Unmensch wahrnehmen, und auf der persönlichen Ebene, weil immer mehr Menschen das Gefühl haben, kurz vor dem Burnout zu stehen.

Als Soziologe frage ich nach den Ursachen für diese Entfremdung und gelange zu dem Ergebnis, dass der permanente Steigerungszwang für dieses dreifache Aggressionsverhältnis zur Natur, zu den Mitmenschen und zum eigenen Körper verantwortlich ist: Wir müssen uns jedes Jahr steigern, Wachstum realisieren, schneller laufen, innovativer werden, nur um das Bestehende zu erhalten. Wir laufen nicht mehr auf ein Ziel zu, sondern von einem Abgrund weg.

Mensch sein und bleiben in modernen Zeiten – so lautet der Titel der Reihe, in deren Rahmen Sie in Lörrach einen Vortrag halten werden. Welche Impulse wollen sie den Zuhörern mitgeben?

Ich will zum einen deutlich machen, dass dieser Steigerungszwang – jedes Jahr mehr produzieren, mehr verteilen, mehr konsumieren, schneller laufen, besser werden – nicht in der Natur des Menschen liegt, sondern ein Konstruktionsfehler der modernen Gesellschaft ist. Ihr liegt zum einen die Logik kapitalistischen Wirtschaftens und zum anderen das Verlangen, Welt und Leben unter Kontrolle zu bringen, zu beherrschen, verfügbar zu machen, zugrunde. Wir brauchen ein anderes Weltverhältnis, eine andere Existenzform, wenn wir die Krisen überwinden wollen. Ich will die Umrisse einer solchen anderen Existenzform skizzieren.

Eine Ihrer Thesen ist – vereinfacht gesagt – eine gewisse Unverfügbarkeit zu praktizieren. Sie plädieren für mehr Resonanz, indem wir uns auf Fremdes, auch Irritierendes einlassen. Wie soll und kann das im Alltag gerade auch im beruflichen Umfeld funktionieren?

Ja, diese andere Existenzform hat als Kernidee die Vorstellung, dass wir nicht auf Beherrschung und Unterwerfung der Natur und der Welt, sondern auf Resonanz mit ihr zielen sollten. Ich unterscheide zwei Grundformen, mit der Welt in Beziehung zu treten: Die eine Form ist die der Verfügbarmachung. Ich versuche das, was mir begegnet, zu beherrschen, mir anzueignen, gefügig zu machen, nutzbar zu machen.

Die andere Weise ist die, mit dem Fremden, Begegnenden in Resonanz zu treten: Auf es zu hören, sich berühren zu lassen und dann darauf zu antworten und zwar so, dass wir uns in dem Prozess verwandeln. Das ist ein riskantes Unterfangen, man weiß nicht genau, auf was man sich da einlässt und was dabei herauskommt.

In unserer modernen Welt ist das gefährlich und schwierig, weil wir gezwungen sind, klare Ergebnisse zu festgelegten Zeiten zu liefern und uns stetig zu verbessern. Aber bei fast allem, was wir tun, gibt es auch Spielräume, die eine Resonanzorientierung erlauben: Wir können mit anderen ins Gespräch kommen, statt sie abzufertigen, wir können im Urlaub offen bleiben für das, was uns begegnet, ohne einen festen Plan für jeden Tag zu haben, wir können auf unseren Körper hören, ohne ihn sofort mit Tabletten verfügbar zu machen.

Implizieren Ihre Thesen nicht auch ein Stück weit einen gewissen Kontrollverlust?

Doch, das tun sie, darauf will ich gerade hinaus. Aber der entscheidende Punkt ist: Unser Versuch, alles unter Kontrolle zu haben, scheitert sowieso, er bewirkt sein Gegenteil: Die Welt entgleitet uns, individuell und kollektiv. Nehmen Sie die Atomkraft: Der Versuch, das innere der Materie unter Kontrolle zu bringen, hat mit der nuklearen Kettenreaktion ein Monster der Unverfügbarkeit hervorgebracht. Der Brexit und das neuartige Coronavirus sind weitere Formen solcher Monster. Dagegen will ich ein anderes Weltverhältnis setzen, dass uns nicht ohnmächtig werden lässt – aber auch nicht allmächtig, sondern teilmächtig.

Sie sind gefragter Buchautor, Professor, Referent: Wie schaffen Sie es, Ihre eigenen Thesen umzusetzen?

Zunächst einmal bin ich ein Wissenschaftler und Soziologe und kein Ratgeber oder Guru: Ich behaupte gar nicht, dass ich die Probleme der Welt gelöst hätte, und ich will auf keinen Fall den Menschen sagen, was sie zu tun haben. Vielmehr will ich mit ihnen gemeinsam darüber nachdenken, was schief läuft und wie es anders sein könnte, und ja, auch, was wir selbst tun können.

Und tatsächlich versuche ich in meiner Arbeit und meinem Leben die kleinen Resonanzinseln des Alltags auszubauen – zum Beispiel, indem ich mich auf Diskussionen und den Erfahrungsaustausch mit einem Publikum einlasse, das ich noch gar nicht kenne, auf das ich mich aber sehr freue!

Prof. Dr. Harmut Rosa, geboren 1965 in Lörrach, ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Tractatus-Essaypreis 2016 und den Erich-Fromm- Preis 2018. Zuletzt erschienen u. a. „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) und „Unverfügbarkeit“ 

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