Lörrach Intelligenter Humor mit Rückgrat

Marco Fraune

Lörrach - Der oberste Fasnächtler der Narrenzunft Lörrach geht am Stock. Die Pandemie hat dafür gesorgt, doch es handelt sich im Gegensatz zu der Corona-Zwangspause um ein gewähltes „Leid“. Die Absage der fasnächtlichen Veranstaltungen hat der Oberzunftmeister Andreas Glattacker genutzt, um körperlich besser für die Zukunft gerüstet zu sein.

Die Gegenwart stellt sich für die Fasnächtler recht trostlos dar: Eigentlich würde am heutigen Rosenmontag die Rotssuppe geschlurft und dazu der eine oder andere närrische Beitrag im Brauhaus Lasser gereicht. Corona führte zur Absage. Der Ozume hat es kommen sehen, und die anstehende Hüftoperation in die eigentlich närrische Zeit verlegt.

Tradition, Humor und mehr

500 Stunden Aufwand steckt der 58-jährige Tüllinger ansonsten in jede Fasnachtssaison. Glattacker kann sich aktuell die Zeit nehmen, Besuch von unserer Zeitung zu erhalten, um in einem ausführlichen Gespräch zurück und voraus zu blicken.

„Mich treibt die Tradition an“, liefert er eine klare Antwort auf die zentrale Frage. Doch nicht nur das. „Wir wollen intelligenten Humor bieten.“ Schwere Nummern mit gesellschaftskritischen Themen werden gesucht statt vermieden: Der Unterschied zwischen Reich und Arm mit dem Fokus auf die heimische Geschäftswelt, eine geistliche Nummer, in der die Gemeinsamkeit der fünf Weltreligionen herausgearbeitet wird und natürlich viel Lokalkolorit bilden die große Bandbreite und den Antrieb.

Wichtig dabei: „Wir wollen nicht verletzend oder diffamierend sein.“ OB, BM und weitere bekommen ihr Fett weg, aber so, dass „die Platte sauber ist“, wie Glattacker es beschreibt. Sexistische Anspielungen haben ihre Grenzen, viel Musik und klar gegen Rassismus und Rechts sind weitere Grundpfeiler. Apropos: Die Narrenzunft habe ganz bewusst die Demo für Demokratie unterstützt.

Die aufgeführten Zunftabend-Stücke sind selbst entworfen, nicht eingekauft. An die Gema muss für die musikalischen Einlagen hingegen ein vierstelliger Betrag bezahlt werden. „Wir sind nicht die besten Sänger, aber wir gehen an die schwierigen Aufgaben“, scheuen Glattacker und seine Mitstreiter keine Herausforderung. Bewusst suchen diese die Nähe zur Bürgerschaft. Das Probelokal „Villa Kunterbunt“ ist fix, doch ansonsten geht es mal in jene Beiz mal in ein anderes Lokal.

Kreativität vom Opa

Als Ur-Fasnächtler will sich Andreas Glattacker nicht bezeichnen. „Ich habe eine gewisse Kreativität und meine künstlerische Ader wohl vom Großvater.“ Sein Opa Adolf Glattacker hat den bis heute gültigen Spruch „Friss’n Wäg, d’r Schnägg“ aus der Taufe gehoben, doch für sein Enkelkind Andreas begann der Einsatz recht spät. Ob dessen Sohn Timo (25) sich schon bald einbringen wird, oder überhaupt? Mal abwarten, so der Vater. „Meine Frau sagt, dass er das gleiche Zeug im Kopf hat wie ich.“

Er selbst hatte sich vor dem Ozume-Dasein auch nur einen Zunftabend angesehen. Gut 20 Jahre lang war Andreas Glattacker bei den „Bachratten Eimeldingen“ aktiv, die meisten als Vorsitzender. Hinzu kam der große Einsatz beim FC Wittlingen in verschiedenen Funktionen. Und wenn seine Frau Karin, die sich bei den Dülliger Schnägge stark einbringt, Unterstützung benötigt, wirkt er auch dort mit.

Der Start als Ozume

Richtig los ging es nach einjähriger Auszeit im Jahr 2008, als ihn der damalige Ozume Karl-Heinz Sterzel ansprach. Dieser hatte von privaten gelungenen Auftritten und Einlagen bei FC-Veranstaltungen gehört. Es folgte das Zunftstiftdasein, der Einsatz als Zunftgeselle, nachfolgend als Zunftmeister und offiziell seit dem Jahr 2018 als Oberzunftmeister.

Zwar sei er der Vorsitzende, doch vergisst dann keineswegs die große Bedeutung und den Einsatz der Mitstreiter zu erwähnen. Namen wie Stephan Vogt, vormals Ozume, Thomas Wagner oder auch Peter Quercher fallen garniert mit lobenden Worten, letzterer starb viel zu früh im vergangen Jahr. 18 Aktive, davon acht Spieler sind es aktuell. Rolf Hauser mit den „Night shadows“ stehe wegen Corona nunmehr auch schon seit zwei Jahren in der Wartestellung, weiß der aktuelle Ozume.

„Wir versuchen, den Laden am Laufen zu halten“, blickt Andreas Glattacker voraus. Das Ziel, mit dem er seinerzeit gestartet ist, hat weiterhin Gültigkeit: Die Fasnachtsveranstaltungen müssen sich finanziell tragen und noch etwas Geld für die unterjährig anfallenden Kosten übrig bleiben. Dieses vorausschauende Planen hatte sich zuletzt auch positiv bemerkbar gemacht.

Gleichzeitig bleibt der Anspruch vom Anfang: „Wenn man etwas macht, muss es Qualität haben.“ Passender Beleg: Das Lörracher Fasnachtslied zum Abschluss der Zunftabende, das Glattacker zu Beginn eingebracht hatte, genießt weiter großen Zuspruch bei den Besuchern.

Mit zeitlichem Druck

Für die passenden Nummern benötigt der Ozume aber auch gewissen zeitlichen Druck, gesteht er offen. So sei zur Klausur im September bereits 90 Prozent des Zunftabend-Inhalts für den 11.11. vorbereitet.

Obwohl es bis zur Verleihung des nächsten Drochehüüler-Ordens 2023 noch einige Zeit hin ist, steht für Glattacker übrigens eines schon fest: Lörrachs stadtbekannter Apotheker als „Spaziergänger“-Frontmann biete sich dafür an.

Doch: „Ihm wollen wir kein Podium bieten, denn die Verleihung des Drochehüülers soll auch immer eine Ehre sein“, verweist er auf die Verleihungen seit dem Jahr 1960, als mit Landrat Wolfgang Bechthold als Weinprobenverweigerer begonnen wurde.

Wie viele Jahre Andreas Glattacker noch Oberzunftmeister ist und weiterhin kreativ wirkt? „Mit der Zeit lässt der Drive nach.“ Wenn in einigen Jahren also ein Nachfolger mit Schwung sowie einer super Art und Weise plus intelligentem Niveau komme, trete er gerne ins zweite Glied zurück. Womöglich bis zum 70. Lebensjahr kann er sich die Arbeit in der Narrenzunft aber noch gut vorstellen. Und möglichst bald schon wieder ohne Krücken.

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