Wohin würde Johann Peter Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit“ besser passen als vor die Kulisse der Burg Rötteln? Am Sonntag hatte der Hebelbund auf die Burg eingeladen, um über dieses und andere Werke aus der Feder Hebels zu sprechen.

Von Veronika Zettler

Einmal jährlich ist der Hebelbund „Mit Hebel unterwegs“, so der Titel der Reihe. Immer um Hebels Todestag am 22. September herum gibt es Lesungen an Orten, die für den Dichter, Theologen und Pädagogen von Bedeutung waren. Nach Weil, Schloss Bürgeln, Hausen, Basel und Hauingen ging es bei der sechsten Auflage aufs Röttler Schloss, das in Hebels Heimatgedächtnis so tief verwurzelt war wie die Wiese oder das Basler Münster.

Der Anblick der Burgruine ist es auch, der in Hebels 1803 erschienenem Gedicht Anlass gibt zu einem Gespräch zwischen einem Kind und einem Erwachsenen über Werden und Vergehen. Vater und Sohn, „Ätti“ und „Bueb“, entwerfen darin (auf alemannisch) Weltuntergangsszenen wie folgende: „Der Belche stoht verchohlt, der Blauen au, as wie zwee alti Thürn, und zwische drinn isch alles use brennt bis tief in Bode abe“.

Als wäre dem Kind nicht schon unheimlich genug zumute, bringt der Ätti auch noch damals bekannte Gespensterfiguren wie den „Lippi Läppeli“ und „Frau Faste“ in Spiel. Prompt fällt dem Jungen ein, dass unweit ihres Standorts vor Kurzem die halbverweste Leiche eines Mädchens gefunden wurde...

„Die Vergänglichkeit“ ist eines der eigentümlichsten, düstersten und persönlichsten Werke Hebels. Zwischen den 133 Zeilen blitzt Hebels eigenes Kindheitstrauma auf. Schauplatz der Strophen ist die Straße zwischen Steinen und Brombach mit Sicht auf Rötteln. Es ist die Stelle, an der Hebels Mutter im Beisein des damals 13-Jährigen starb. „Hier muss die Wirklichkeit seines kindlichen Daseins geendet haben“, meinte Inge Hemberger vom Hebelbund in ihrer Einleitung. Den Vater hatte er mit zwei Jahren verloren, die Schwester starb im Säuglingsalter.

Abwechselnd lasen Inge Hemberger und Helen Liebendörfer, beide Präsidiumsmitglieder des Hebelbunds, die Rollen von Bueb und Ätti – ausdrucksstark, empathisch und mit wohldosierten dramatischen Gesten. Knapp 40 Zuhörer lauschten gespannt, wie Hemberger mit südbadischem und Liebendörfer mit schweizerdeutschem Einschlag die apokalyptischen Szenen lebendig werden ließen. Der kräftige Wind erschwerte das Zuhören, passte aber zum Gedicht, in dem es so schön heißt: „Es regnet no dur d’Bühne ab, es pfift der Wind dur d’Chlimse“.

Nach dem eindrücklichen ersten Teil ging es zu einem gemütlichen zweiten ins Café „Fräulein Burg“. Zu Kaffee und Kuchen wurden Kalendergeschichten und Gedichte serviert, darunter das „Lied vom Kirschbaum“, das viele noch in der Schule auswendig gelernt haben, oder die Geschichte „Gutes Wort, böse Tat“.

Letztere ist für Helen Liebendörfer ein markantes Beispiel dafür, wie Hebel in wenigen Worten für Treue, Respekt, Toleranz und Redlichkeit warb.