Lörrach - Dörte Hansen las am Dienstagabend in der Buchhandlung Kastl aus ihrem zweiten Werk „Mittagsstunde“ und entführte die Zuhörer nach Brinkebüll, einem Dorf in Nordfriesland.

Man lächelt, kichert, staunt

Von Anfang an liegt wache Neugierde und großes Amüsement über dieser Lesung. Die große Zuhörerschaft ist heiter, man lächelt, kichert, staunt. Viele Fans haben sich eingefunden. Der Leser findet sich in einer kargen Gegend wieder und lernt dort Charaktere kennen, die skurril, schräg und dennoch liebenswert, weil so menschlich sind.

Landschaft prägt die Menschen und umgekehrt, sagt Hansen. So auch die Geestlandschaft, die als unfruchtbar gilt. Sie wird so lebhaft geschildert, dass man den grauen Himmel über sich sieht, die dunkle Scholle riecht und den Wind hört. Die Geest als Metapher für die Grundbedingung menschlicher Existenz. „Keine Schönheit, Nacktheit weit und breit.“

Hansens Blick auf die Protagonisten ist voll liebevoller Verwunderung, kühler Genauigkeit und witziger Kommentare. In Brinkebüll leben „ein paar Verrückte und ein Pastor.“ Der Pastor, der erlebt, dass in Brinkebüll „nichts Frommes“ durchläuft. Marret Feddersen, die immerzu den Weltuntergang verkündet und Schlager mag. Der harte und strenge Dorfschulmeister, der seine Schüler striezt, Heimatforscher ist und Gesteine liebt.

Schalk und Augenzwinkern

Da ist schließlich Ingwer Feddersen, der eine Liste der Dinge macht, die er nicht mehr durchgehen lassen will, weil er sich von Kleingeisterei freistrampeln möchte. Lebensmodelle, eigen und schrullig, voller Melancholie und Hoffnung. Das Dorf hat seine Menschen geformt, vielleicht auch verformt.

Hansen sieht sich in Brinkebüll um, wertet aber nicht. Sie gibt sich umsichtig und lässt viel Schalk und Augenzwinkern walten. Da scheint sich jemand auszukennen, wie das Miteinander in einem kleinen System sich anfühlt. Da werden Details sorgfältig beobachtet. Der typische Geschenkkorb beispielsweise mit Mettwurst, Bohnenkaffee oder Geleebananen oder die Stimmung, wenn Marret Feddersen auf dem Fahrrad daherkommt. Damit verbunden die Vergleiche, Sprachbilder und die reife Deutung, die das Zuhören zu einer sinnlichen Hörerfahrung, voll dichter Atmosphäre machen.

Nein, autobiografisch sei ihr Roman nicht. Aber die eine oder andere Erfahrung konnte sie durchaus integrieren, sagt die Autorin, die in einem Geestdorf aufgewachsen ist und nun wieder in Husum lebt.

Ihr war es ein Anliegen, in Prosaform zu verdeutlichen, was der Strukturwandel, der vom Kleinbäuerlichen wegführt mit den Menschen macht. Sie dockt an einer Sehnsucht an, die jeder in sich trägt. Nach einer Gemeinschaft, in der Eigenartigkeit ausgehalten und getragen wird. Aber auch danach, von der Enge eines Dorfes nicht ausgelöscht zu werden.

„Mittagsstunde“ ist der zweite Roman nach dem Überraschungserfolg „Altes Land,“ dem die Geschichte eines Flüchtlingskindes zugrunde liegt. Es ist das NDR Buch des Monats und belegt den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Für die Zuhörer ist angenehm, wie nahbar und natürlich Dörte Hansen nach diesem Erfolg dennoch geblieben ist.