Lörrach Kategorien der Vergänglichkeit

Benjamin-Kenner: Alexander Honold aus Basel Foto: Beatrice Ehrlich Foto: Die Oberbadische

Von Beatrice Ehrlich

Lörrach. Im Rahmen der Reihe „Literarische Begegnungen“ des Hebelbundes war am Sonntag Alexander Honold, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel, im Dreiländermuseum Lörrach zu Gast.

Wieder einmal ging es darum, so Volker Habermaier, der als Präsident des Hebelbundes die Reihe betreut, den großen alemannischen Dichter in seiner ganzen Bedeutung wahrzunehmen, ausgehend von seiner Lektüre und Rezeption durch bedeutende Literaten und Geisteswissenschaftler.

Auf Spuren des Allegorischen

Mit Alexander Honold hat er damit einen profunden Kenner insbesondere der Hebel-Rezeption im 20. Jahrhundert gewinnen können. Ausgehend von Johann Peter Hebels großem Gedicht „Die Vergänglichkeit”, das bereits im vergangenen Oktober im Mittelpunkt einer zweitägigen Veranstaltung stand, begibt sich der renommierte Basler Germanist auf die Spur des Allegorischen, das er als charakteristisches Stilmittel bei Hebel ausgemacht hat. Zentraler Zeuge ist ihm dabei der Philosoph Walter Benjamin als Hebel-Leser. Mit dem Werk des 1892 geborenen deutschen Philosophen und Kulturkritikers hat sich der Basler Literaturwissenschaftler in den vergangenen Jahren intensiv auseinandergesetzt.

Johann Peter Hebels zentrales Gedicht als Dreh- und Angelpunkt seines Vortrags nimmt Honold dabei gewissermaßen von zwei Seiten ausgehend in den Blick: Von der eigenen Warte aus, als selbst Mundart sprechender Wissenschaftler, dem die in dem Gedicht beschriebene Landschaft rund um Basel persönlich vertraut ist; und aus der Perspektive Benjamins, der, damals auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im französischen Exil, in seinem Essay „Der Erzähler“ den alemannischen Dichter mehrmals lobend erwähnt: seinen alemannischen Tonfall, in dem sich die Empathie zu den Menschen niederschlage, aber auch seine „tiefgründige Sympathie für Außenseiter und Sonderlinge“.

Die bei Hebel immer wieder anzutreffende Stilfigur der Allegorie findet sich bei Walter Benjamin in ein neues Licht gerückt. Im Gegensatz zum Symbol mit seiner Identität von Physis und Bedeutung markiert sie demnach Bruchlinien in der Zeit und wird damit zu einer typischen Ausdrucksform in Momenten gewaltsamer Umbrüche und Momenten des Verfalls, bedingt etwa durch Kriegswirren. Die „zackige Demarkationslinie“, die dabei das eine vorm anderen trennt, findet im Reich der Dinge als Ruine ihren sichtbarsten Ausdruck, so Honold.

Mit Rückblick auf die im Barock zentralen Kategorien der Vergänglichkeit, etwa im barocken Trauerspiel, mit dem sich Walter Benjamin intensiv auseinandergesetzt hat, zieht Honold Parallelen zur geradezu apokalyptischen Vision des Alten („Ätti“) in Hebels Gedicht, als er dem Jungen die zukünftige Entwicklung seiner doch in diesem Moment so idyllischen, schönen und reichen Umgebung vor Augen führt – den Verfall des Dorfes und der reichen Stadt Basel, die Zerstörung der Natur: „...D’Wiese het ke Wasser meh, ’s isch alles öd und schwarz und totestill...”.

Mit stets skeptisch hinterfragendem Blick

Typisch Hebel: In seinen Texten entwirft der Theologe Bilder von Demut und Selbstbescheidung angesichts überbordender Fülle, ein zivilisationskritisches Moment, das auch heute angesichts des Klimawandels neue Brisanz erfährt. Mit seinem pronocierten und stets skeptisch hinterfragenden Blick auf den Lauf der Zeiten und Tage, der sich immer wieder auch in seinen Kalendergeschichten zeigt, sei Hebel ein wahrer „Chronist des Vergänglichen“ resümiert Honold am Ende seines rasanten Vortrags, der den interessierten Zuhörern bei Wein und Saft noch ausreichend Zeit ließ, miteinander ins Gespräch zu kommen.

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