Lörrach Keine Besserungsanstalt

 Foto: Gabriele Hauger

Lörrach - Die Stadt Lörrach, Religionsgemeinschaften, Vereine und Kulturschaffende wollen noch bis 29. März mit den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung setzen.

Coronabedingt finden die Veranstaltungen digital statt, so auch das Video-Gespräch mit Mitgliedern des Kabarett Distel unter der Moderation des scheidenden Burghof-Geschäftsführers Markus Muffler. Das Kabarett aus Berlin war vor Corona gern gesehener Gast im Burghof. Aus ihren Wohnzimmern haben sich die Mitglieder am Montagabend zusammengeschaltet, um die Thematik aus der Kabarett-Perspektive zu beleuchten.

Klischees entlarven

Wie kann man sich als Kabarettist dem Thema Rassismus annähern? Natürlich mit Humor, sagt Nancy Spiller. „Eine analytische Ebene zur Entlarvung von Rassismus gibt es auf der Bühne eigentlich nicht. Wir greifen das Thema auf, indem wir Geschichten mit total überzogenen Charakteren zeigen und so die Klischees – ­beispielsweise vom klauenden Polen – entlarven“, sagt Jens Neutag.

Eine Situation werde zugespitzt, umgedreht, um so den Zuschauer auf seine Vorurteile zu stoßen. Sebastian Wirnitzer nennt als Beispiel seine Rolle als Beamter, der eine potenzielle Gastfamilie für einen Syrer besucht, dort aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe automatisch für den Flüchtling gehalten wird – und mit Vorurteilen konfrontiert wird.

Alltagserfahrungen

Auf ähnliches Verhalten trifft der Kabarettist indes auch in seinem Alltag: Das reicht von Lob für sein „gutes Deutsch“ bis zur Schlussfolgerung der Kindergarten-Mitarbeiterin, dass seine Tochter wohl deswegen so schlecht esse, weil sie offenbar von Zuhause her nur exotische Speisen gewohnt sei. Dabei outet sich der Kabarettist augenzwinkernd als ausgewiesener Fan von Bratwurst und Schäufele.

Vorurteile können in Kabarett-Szenen bestens entlarvt werden. Ob dies die Menschen allerdings tatsächlich zum Umdenken, zum Überprüfen ihrer Vorstellungen, gar zur Korrektur ihres Verhaltens bringen kann, bleibt für die Distel-Mitglieder fraglich. „Wir sind ja auch keine Erziehungsanstalt“, machen sie klar. „Man kann in einem 90-minütigen Programm die Denkweisen nicht ändern, aber man kann sensibilisieren“, so Neutag. Es sei eine grundsätzliche Frage, ob Kultur die Welt ändern könne. Zumindest jedenfalls könne sie Debatten-Räume öffnen.

Ein Beispiel für Diskriminierung kann Nancy Spiller erzählen. Wenn eine junge schwarze Schauspielerin kaum Rollen bekommt, weil eine „schwarze Julia“ vermeintlich nicht passt, sei das traurig. Diese Art von Alltagsrassismus gegenüber Menschen, die vermeintlich nicht „normal“ aussehen, werde ihrer Meinung nach wohl noch lange bleiben.

Weniger Verkrampftheit

Andererseits erzählt Stefan Martin Müller auch von persönlichen Irritationen, von Verunsicherung. Die Frage „Welche Sprache sprecht Ihr da?“, findet er nicht automatisch rassistisch. Er selbst stellt sie auch – aus echtem Interesse für fremde Kulturen. „Vielleicht sollten wir da zuweilen auch die Verkrampftheit etwas herausnehmen.“

Dass Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit in kleineren Städten spürbarer sei als in großen, dem stimmt die Runde nur bedingt zu. Auf der Bühne seien die Publikumsreaktionen bei solcher Thematik sehr ähnlich. Im persönlichen Alltag allerdings vermeide er es eher in bestimmte Provinzen zu fahren, ergänzt Sebastian Wirnitzer.

Das Netz

Pöbeleien aus dem Zuschauerraum hat Nancy Spiller schon in Dresden erlebt. Derlei gibt es natürlich vor allem im Netz. Die Anonymität führe offensichtlich dazu, das Kritik rauer, radikaler, hässlicher werde. Kritik, die es in einem persönlichen Gespräch nach einer Vorstellung so sicherlich nicht gebe.

Nachdenkliches gibt Stefan Müller zum Schluss zu bedenken: „Die Welt ist aus den Angeln. Das Kabarett wird sich nach Corona neu finden müssen. Nach dieser schweren Zeit wird die Satire eine neue Ebene finden müssen, um den Menschen etwas geben zu können.“ Das Gespräch ist online bis 29. März auf der Burghof-Homepage abrufbar.

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