Lörrach Kinderbücher gehen neue Wege

Lörrach - Dass Kinderliteratur ihren Zauber sogar auf dem Computerbildschirm entfalten kann, diesen Beweis hat die Kinderbuchmesse Lörracher Leselust mit ihrer digitalen Ausgabe am vergangenen Wochenende bewiesen. Drei Tage lang standen Lesungen, Theaterstücke und vieles weitere zum Anschauen und Mitmachen bereit.

Ein kleiner Klick-Rundgang: Los geht’s mit den Liedbeiträgen des Schulchors der Eichendorffschule, umgesetzt in ein tolles Video mit Musik. „Die Gedanken sind frei“, den Schulsong und die „Ode an die Freude“ mit Abstand, Mikros und unterlegt mit einer kleinen Choreografie sind Mutmacher für das Singen in Corona-Zeiten und mehr.

Die Autorinnen-Lesung mit Sissel Horndal ist in Wirklichkeit ein Gespräch mit vielen Beteiligten: Zugeschaltet zur Videokonferenz mit Kindern der Schule am Heidenstein/Schwörstadt sind die Autorin selbst in ihrem Zuhause in Nordnorwegen, ihre Übersetzerin Elisabeth Berg und Sonja Matheson vom Baobab-Verlag, die die Geschichte von Máttharáhkkás weiter Reise auf Deutsch vorliest.

Im Video werden der wunderbare Text und die zauberhaften Illustrationen sicht- und hörbar, indem man der Autorin beim Vorlesen in ihrer sehr klangvollen Sprache zuhört und ihr auch kurz beim Zeichnen über die Schulter schauen kann. In einem persönlichen Video mit Bildern und Geräuschen aus ihrer Heimat wird deutlich, wie sie arbeitet und ihre Themen findet – in der Natur und der Mythologie ihrer Heimat tief im Norden.

Spannend zu sehen ist die Lesung mit dem Bilderbuchautor und Illustrator Jörg Mühle, der die Kinder in sein Atelier einlädt. Sein Bilderbuch „Zwei für mich, einer für Dich“ greift das Thema Gerechtigkeit und den Streit darum im höchst privaten Bereich auf, nämlich in der Küche, und lässt das Ende offen – „Wie würdet ihr entscheiden?“ Das Videoformat erlaubt den Zuschauern, ihm beim Zeichnen auf die Finger zu sehen. Großartig, wie da mit Leichtigkeit aus einer Linie mit einem schwarzen Kohlestift und ein paar Pinselstrichen mit Wasserfarben den Bären und seinen Freund, das Wiesel lebendig werden lassen.

Viel zu sehen gibt es auch bei den beiden, vom Figurentheater Grashüpfer aus Berlin koproduzierten Theaterstücken. Speziell in Rike Schubertys origineller Umsetzung von Hans Falladas Märchen „Mäuseken Wackelohr“ hat die zunächst nicht geplante Videoversion auch ihr Gutes: Ganz nah kommt die Kamera den drei von ihr gespielten Protagonistinnen, der Maus, der Ameise und der Katze und lässt so bezaubernde gestalterische Details sichtbar werden.

Die Schauspielerin Rike Schuberty hat auch den Lesevortrag aus „Matti und Sami und die verflixte Ungerechtigkeit der Welt“ übernommen, dem Buch, dem das Motto dieser „verflixten“ 29. Kinderbuchmesse entnommen ist. Der Berliner Autor Salah Naoura, in Lörrach in vergangenen Jahren gern gesehener Gast, lehnte einen eigenen Auftritt im digitalen Format ab. Durch die kongeniale Lesung der Schauspielerin, übrigens auch Berlinerin, war er aber dann doch noch mit seinem neuen Band in Lörrach vertreten.

Absoluter Favorit bei den eigenen Kindern zwischen acht und elf: „Im Gefängnis“. Die unaufgeregte Beschreibung des Gefängnisalltags durch die Augen eines Mädchens, deren Vater zwei Jahre lang in Haft ist, gewinnt auch durch den sympathischen Lesevortrag von Thomas Engelhardt, der das Buch zusammen mit Monika Osberghaus verfasst hat, eine ganz besondere Qualität. Das Leben hinter Gittern ist ein (Tabu-)Thema, das sofort das Interesse der Kinder auf sich zieht.

Corona bringt scheinbar unvereinbare Dinge zusammen: Normalerweise assoziiert man das Lesen bestimmt nicht mit dem Sitzen vor einem Bildschirm. Nun kommt die Messe, sonst im Burghof beheimatet, nach Hause in Wohn- und Kinderzimmer und erreicht so vielleicht mehr „Besucher“ als sonst.

Die durchdachte Machart der aufgenommenen Lesungen und Gespräche hat dieses Format aber auch interessant gemacht für die vielen Stammgäste der vergangenen Jahre, die sonst viel lieber in echten Büchern schmökern.

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