Lörrach Kirche ade?

 Foto: zVg/Ingo Wagner

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland haben dieses Jahr massiv Mitglieder verloren: Insgesamt traten mehr als eine halbe Million Katholiken und Protestanten aus den Glaubensgemeinschaften aus – so viele wie nie zuvor. Wie nehmen Vertreter der Kirche hierzulande diese Zahlen auf? Wir fragten nach.

Lörrach. Die jetzt veröffentlichten Kirchenmitgliedszahlen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dürften frustrieren. Aus der katholischen Kirche traten 2019 272 771 Menschen aus. Auch die evangelische Kirche verzeichnete mehr Kirchenaustritte. 270 000 Menschen traten nach Angaben der EKD aus und damit 22 Prozent mehr als im Jahr davor.

Thorsten Becker

Pfarrer Thorsten Becker, Leiter der Kirchengemeinde Lörrach und Inzlingen, stellt aktuell in seiner Gemeinde (noch) keinen Austritts-Anstieg fest. Mit einer Analyse der jüngst veröffentlichten Zahlen müsse man vorsichtig sein, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Dennoch macht er sich keine Illusionen darüber, dass die Institution Kirche generell an Boden verliere und wohl weiter verlieren werde.

Dass gegenwärtig Menschen aus der katholischen Kirche austreten: Dafür nennt er gleich mehrere mögliche Gründe. Zum einen habe die Corona-Krise viele in finanzielle Bedrängnis gebracht. Da spiele dann auch die Summe einer fälligen Kirchensteuer eine wichtige Rolle. „Das muss per se gar nichts mit Kritik an der Kirche zu tun haben, sondern ist einfach der finanziellen Situation geschuldet.“

Zum anderen seien einige Gläubige sicherlich frustriert über die Reaktionen der katholischen Kirche auf die Krise. „Viele hätten da anderes erwartet, als die Kirchen zu schließen“, weiß Becker aus Gesprächen. Doch es gibt auch positive Aspekte: Viele Menschen hätten bemerkt, wie wichtig ihnen der Gottesdienst ist, ebenso wie die kirchliche Feier von Festtagen, Hochzeiten oder auch Beerdigungen. „Unsere online-Gottesdienste waren sehr gut besucht.“ Das zeige: Das Bedürfnis nach Kirche sei da.

Dennoch bleibt der katholische Pfarrer Realist. „Es gibt viele, die gerade derzeit Halt im Glauben suchen. Das muss aber nicht unbedingt an die Institution Kirche geknüpft sein. Eine Entwicklung, die wir im übrigen schon seit Jahren feststellen.“ Die Tendenz zur Individualisierung in der Ausübung des Glaubens sei groß. Das gelte auch für viele andere Institutionen wie Vereine und sei ein gesamtgesellschftaliches Phänomen. „Leider ist die Kirche nicht allen Gläubigen Heimat.“ Nicht unterschlagen wissen will er indes die Tatsache, dass es gerade in Corona-Zeiten auch Kircheneintritte gebe.

Ein zunehmender Rückgang an Kirchensteuern dürfte unabsehbare Konsequenzen haben, so Becker. „Da fehlen schnell viele Millionen. Und das hätte dann auch Auswirkungen auf unser kirchliches Engagement, in der Caritas oder bei Beratungsstellen.“ Einbußen werde es aber sicher nicht nur in der Kirche, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen geben.

Unabhängig von den deutschlandweiten Zahlen fokussieren sich Thorsten Becker und das ganze Seelsorgeteam auf die Situation vor Ort. Negative Entwicklungen will er nicht auf die Bischöfe oder die katholische Kirche an sich schieben, sondern sich den Bedürfnissen seiner Gemeinde stellen. „Wir haben schon immer die Menschen hier im Blick, ihre Fragen, ihre Not. Wir versuchen, den Glauben zu verkünden im Bewusstsein, dass die Menschen gerade derzeit an ihre Grenzen kommen.“ Ganz konkret will er mit seinem Team auf die Leute zugehen, sei es in Betrieben, bei Senioren, bei Hilfsbedürftigen. „Diese Botschaft muss im Miteinander spürbar werden.“

Bärbel Schäfer

Dekanin Bärbel Schäfer kann dies nur unterstützen. „Wir können und müssen uns in vielen Punkten noch mehr auf die Menchen und ihre Bedürfnisse zubewegen.“ Sich gegen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie beispielsweise die Individualisierung zu stemmen, mache sowieso keinen Sinn.

Schäfer möchte allen Pfarrern mitgeben, dass sie sich nicht nur um die treuen Anhänger einer Gemeinde kümmern, sondern versuchen, die frohe Botschaft der gesamten Gemeinde zu vermitteln. Dazu brauche es Einfühlsamkeit und ein offenes Ohr. Ein erster guter Kontakt zur Kirche ziehe oft eine spätere Verbundenheit nach sich. Das könne bei der Konfirmation oder bei einer Hochzeit sein.

Die aktuelle Austrittswelle macht sie indes nicht nervös. Immer wieder würden solche Wellen kommen, würden Horror-Szenarien prognostiziert. Den grundlegenden strukturellen Wandel könne man nicht aufhalten. Natürlich werden die fehlenden Kirchensteuern die Ressourcen der Gemeinden angreifen – schneller als vielleicht erwartet. Der stete Kirchenmitgliederrückgang zeichne sich indes schon seit langem ab. „Es kommen weniger jüngere Leute nach, auch beim Pfarrpersonal.“

Die aktuelle wirtschaftliche Bedrängnis in der Corona-Krise verschärfe die Situation noch. Dennoch: Die Kirche müsse sich den Aufgaben des Wandels grundsätzlich stellen. Dazu gehöre vor allem ein engagiertes, empathisches Gemeindepersonal.

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